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konkretluftGeorg Kreisler: Macht ist das Gegenteil von Kunst
CAMPO de Criptana, Heft 5 - II Quartal 2004
Dank an Tanja Krienen für den Text...


Zum 200. Jahrestag der Uraufführung von Schillers „Wilhelm Tell“ hielt Rolf Hochhuth eine glänzende Rede. Das Stück sei bestürzend aktuell, sagte er, wie Tell handelten die Tschechen, als sie Hitlers Landvogt in Prag, Reinhard Heydrich, ermordeten, wie Tell handelten auch die Ostdeutschen, als sie den sogenannten Treuhand-Präsidenten Rohwedder beseitigten, den der Kohl-Staat - federführend Wolfgang Schäuble - zur totalen Ausbeutung der 17 Millionen Ostdeutschen inthronisiert hatte. Und auch heute lebten wir in einer Diktatur, erklärt Hochhuth, nämlich in der Diktatur der Wirtschaft. Er zitierte den Schweizer Kulturhistoriker Jacob Burckhardt, der schon 1890 voraussagte: „Einmal werden der entsetzliche Kapitalismus von oben und das begehrliche Treiben von unten, wie zwei Schnellzüge auf denselben Gleisen gegeneinander prallen.“

Dem muß jeder vernünftige Mensch zustimmen, wenn er die steigende Arbeitslosigkeit in Europa sieht, die immer tiefer werdende Kluft zwischen Arm und Reich, das zunehmende Elend in der Dritten Welt. Und wenn er sich dann fragt, wer daran schuld sei, kann die Antwort nur lauten: Die Wirtschaftbosse und ihre Marionetten, die Politiker. Denn sie bestimmen die Bedingungen eines sogenannten „Vereinten Europas“, sie bestimmen, wem es gut gehen darf und wem nicht, und sie bestimmen letztlich auch, welche Politiker das Volk wählen darf.

In der Nazizeit war die Aufführung von „Wilhelm Tell“ verboten. Die heutigen Wirtschaftdiktaturen sind klüger, sie verbieten nicht, sondern lassen verharmlosen. Das heißt, sie bestellen Theatermacher, die ihnen zu Diensten sind, subventionieren sie, geben ihnen ein bisschen Macht, und schon sind sie korrumpierbar. Noch einmal Jacob Burckhardt: „Macht an sich ist böse, gleichviel, wer sie ausübt. Sie ist kein beharren, sondern eine Gier.“ Und auch Theatermacher nützen ihre Macht, um kritisches Theater, das dass Missfallen ihrer Subventionsgeber verursachen könnte, zu vermeiden. Lieber sprechen sie von „Modernisierung“, statt zu bedenken, dass ein wirklich zeitkritisches Theater keinerlei Modernisierung bedarf, denn ein Publikum, das sich angesprochen fühlt, kümmert sich nicht um die Profilierung des Regisseurs.

In der Basler Zeitung hat man Schweizer Theatermacher, die hauptsächlich in Deutschland arbeiten, zu ihrer Meinung über Schillers „Wilhelm Tell“ befragt. Ihre durchwegs arroganten und überheblichen Antworten sind entlarvend, arrogant und überheblich, weil man sich doch einem Klassiker wie Schiller und einem Theaterstück, das immerhin 200 Jahre lang Millionen von Menschen begeistert und beflügelt hat, nur mit Demut näher kann, vor allem, wenn man selbst versucht Künstler zu sein. Ich zitiere auszugsweise, aber nicht sinnentstellend:

„Konservativer Terrorist“, „Legende“, „Nationalistische Ikone“ oder „Freiheitsheld“

Urs Bircher, Intendant des Stadttheaters Hildesheim: „Wilhelm Tell ist eine unangenehme nationalistische Ikone. Ein konservativer Terrorist, der sich der fortschrittlichen Entwicklung der Zeit (Habsburger) entgegenstellte, sozusagen ein früher Europagegner.“ Da fällt einem doch nur die Kinnlade herunter! Dieser Herr unterschlägt nicht nur, dass die Schweiz, laut Schiller, erst durch Wilhelm Tell zu einer Art von Demokratie gefunden hat, er behauptet auch, dass die Habsburger, die viele Jahre lang die unmenschlichsten Gesetze erließen, die ihre Länder immer wieder mit Kriegen überzogen, die jeden Widerstand durch Hinrichtungen im Keime erstickten, dass diese blutigen Herrscher eigentlich fortschrittliche Entwicklungshelfer waren. Und gleichzeitig betont er rasch seine Treue zur EU. All das in zwei Sätzen, nicht schlecht für einen braven Mitläufer!

Tobias Richter, Generalintendant der deutschen Oper am Rhein: „Mich interessiert Wilhelm Tell eher als Oper, die hat einen wunderschön romantischen Stoff.“ Aha! Dieser Herr ist vorsichtiger, er hält sich an Rossinis schöne Musik und hat lieber keine eigene Meinung. So wird man Generalintendant.

Jossie Wieler, Regisseur: „Wie Schiller die Figuren idealisiert, auch die Jungfrau von Orléans, damit habe ich meine Schwierigkeiten. Würde mich jemand fragen, ob ich den „Tell“ inszenieren möchte, dem würde ich ganz glatt sagen: Nein.“ Also da Herr Wieler offensichtlich nicht zu Schiller hinaufsteigen kann oder will. Da würde ich Herrn Wieler eher einen Berufswechsel vorschlagen, Politiker zum Beispiel. Da darf er Schwierigkeiten mit Schiller, Goethe, Shakespeare und Lessing haben und kann trotzdem Karriere machen.

Cathérine Miville, Intendantin des Stadttheaters Gießen: „Als Volksheld ist Tell für mich nicht wichtig. Die jungen Leute von heute interessieren sich für parodistische Tell-Inszenierungen, nicht für die Auseinandersetzung mit der Tyrannei.. Für den notwendigen Bewusstseinswandel hin zu einem offenem Europa ist einer wie Wilhelm Tell nicht hilfreich.“ Daß Revolutionäre oder gar Tyrannenattentäter bei einem Glaubensbekenntnis zur EU „nicht hilfreich“ sind, damit hat die Dame recht. Es ist auch im Sinn ihrer Subventionsgeber, dass junge Leute im Theater lachen sollen, um wenigstens vorübergehend ihre Arbeitslosigkeit zu vergessen. Es ist nur schade um das schöne Stadttheater in Gießen.

Res Bosshart, Intendant des Meiniger Theaters: „Tell ist ein Feigling, ein Menschenverächter. Er schießt, weil ihm befohlen wird. Und weil Tell dem Gessler gehorcht, lockt er ihn danach in einen Hinterhalt, um ihn von hinten zu erschießen.“ Jawohl, Diktatoren soll man womöglich von vorn erschießen, dann ist man kein Menschenverächter. Hat der Mann das Stück überhaupt gelesen? Weiß er nicht, dass Gessler den „Feigling“ Tell verhaften lässt, ohne daß der das Geringste getan hat? Und dass Tell den Gessler in einen Hinterhalt lockt - wo steht das? Na ja, Hauptsache, man lehnt solche Revolutionsstücke ab, dann kann einem nichts passieren.

Barbara Frey, Regisseuse: „Daß eine Figur, die es nie gegeben hat, eine solche Bedeutung für uns besitzen, ist für mich schwer nachvollziehbar. Das ist schon unfreiwillig komisch. Eigentlich ist der Tell eine mythomanische Muppet-Show, eine Art Kasperle-Theater, das man nicht ernst nehmen kann.“ Also wenn es für die Dame „schwer nachvollziehbar“ ist, dass auf dem Theater jemand Bedeutung hat, den es nie geben hat - auch das ist strittig - dann muß man sie fragen: Was ist mit Hamlet? Othello? Mephisto? Und so weiter. Aber es hätte auch keinen Sinn, sie zu fragen, warum jemand, der sein Leben aufs Spiel setzt, um sein Land von einem Diktator zu befreien, für sie ein Kasperle ist - nein, da gibt man lieber auf. Abschließend Ruedi Häusermann, Regisseur: Wilhelm Tell ist jemand, der mich wenig angeht.“ Nun, ich glaube, hier irrt Herr Häusermann. Eines Tages wird er schon draufkommen, dass ihn Menschen wie Wilhelm Tell sehr viel angehen.

Im zweiten Weltkrieg war ich amerikanischer Soldat und als solcher auch als Dolmetscher in Deutschland tätig. Dabei hatte ich Gelegenheit, einige Spitzennazis wie Göring, Streicher und Kaltenbrunner, die amerikanische Gefangene waren, aus nächster Nähe kennenzulernen. Alle erklärten sich für unschuldig, es wäre die Zeit gewesen und man hätte nicht anders handeln können, behaupteten sie. Und kürzlich wurde ich von einem Journalisten gefragt, ob ich diese Verbrecher, die so unverschämt viel Leid verursacht hatten, gehaßt hätte. Nein, antwortete ich, ich habe sie nicht gehaßt, es hat mich nur furchtbar vor ihnen geekelt. Seltsamerweise und ohne Vergleiche ziehen zu wollen, befällt mich ein ähnlicher Ekel, wenn ich an die meisten dieser heutigen Theatermacher denke. Haben sie Georg Elser vergessen, der seinen Attentatsversuch auf Hitler mit dem Leben bezahlte? Haben sie den 20. Juli und seine Folgen vergessen? Den 17. Juni? Das Ende von Mussolini oder Ceaucescu?

Nicht nur das, ich glaube, sie haben auch die Zukunft vergessen, und das ist im Theater eine Todsünde. In seiner Rede meinte Rolf Hochhuth, nur ein Narr könne hoffen, daß die nächste Revolution nicht auch mit Attentaten verbunden sein würde.



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