gk_3bgr
1-32-33-14-25-26-37-2
1-1li3b23c13d23e23f23g23h21-1re1-1li3b23b23c13h23h21-1re

konkretluftMagnus Klaue: Unheilbar gesund
Dem Chansonnier und Dichter Georg Kreisler zum Achtzigsten
Konkret – Nr. 07/ 2002
Dank an Konkret Verlage für den Text...

Auf dem Cover von »Everblacks« hat sich Georg Kreisler vor zwanzig Jahren in der Pose eines Sparkassenangestellten ablichten lassen: grauer Anzug, Krawatte und schwarzes Brillengestell, die Hände gefaltet, die linke Hand skelettiert, lächelt er verdächtig brav. Die Sammlung enthält Lieder aus zwei Jahrzehnten mit erschreckenden Titeln wie »Die Wanderniere«, »Das Mädchen mit den drei blauen Augen« oder »Taubenvergiften«. Der Inhalt gleicht dem Mann auf der Verpackung, die Chansons kommen harmlos und bieder daher und sind doch von Grausamkeit und Tod gezeichnet.

Einem Tod allerdings, der nichts raunend Metaphysisches hat. Kreisler erzählt vom alltäglichen Tod, der gesetzmäßigen Abschaffung alles Lebendigen, die sich jeden Morgen mit den ersten Walzerklängen aus dem Radio aufs neue vollzieht. Mozartklänge, Wanderlieder und Schunkelmusik werden ihm zur Fratze der guten Laune, die jeder einstudiert, um sich vorzulügen, es gebe noch etwas zu lachen.

Kreisler hatte im öffentlichen Musikbetrieb nie viele Freunde. Der Rundfunk spielt seine Lieder noch heute ungern, manche seiner frühen Chansons standen auf dem Index, seine Mitte der sechziger Jahre im österreichischen Fernsehen ausgestrahlte Sendung »Die heiße Viertelstunde« hatte ständig mit der hausinternen Zensur zu kämpfen und wurde bald abgesetzt. Sein Leben lang erhielt er Briefe und las er Rezensionen in der »Kronenzeitung«, in denen das »Dritte Reich« noch nicht vorüber war. Die Zeiten, hieß es da, seien doch wohl vorbei, wo Juden von den Medien hofiert werden müßten. Er solle nach Israel gehen, wo er hingehöre. Kreisler, der 1938 vor den Nazis in die USA geflohen war und bei Charlie Chaplin und in Hinterhofbars sein Handwerk als Entertainer gelernt hatte, war Schlimmeres gewöhnt und faßte es als Ermunterung auf. Er hatte die richtigen Feinde und keine falschen Freunde. Was will man mehr.

Was Kreislers Stücke zu undeutschem Liedgut macht, ist ihr Mangel an Sentimentalität. In der Misanthropie, welche die wahren Menschenfeinde in seinen Texten entdecken, liegt ihre Integrität. Wo das humanitäre Gerede vollends zur Maske der Gewalt geworden ist, atmet man auf, wenn man die Verse hört: »Nur der Mensch ist so roh, / und der stört das Niveau, / der muß raus aus dem Zoo, / der muß weg!« Kreislers früheste Arbeiten, die mittlerweile altmodisch anmutenden, makabren Lieder »Taubenvergiften«, »Die Wanderniere« oder »Bidlah Buh«, verfolgten nie die Absicht, dem Spießbürger wohlige Schauer über den Rücken laufen zu lassen. Sie verwendeten Muster und Töne der populären Musik, um sie gegen sich selbst zu kehren, sie waren Ideologiekritik in Notenform. Der Schlager, der die Gewalt schon im Namen trägt, wurde in ihnen als grausamer Muntermacher entlarvt, zu dem der Landsmann schunkelt, bevor er sein Feierabendpogrom begeht. Kreisler hat ihm die unschuldige Fassade genommen und hinter seiner verbissenen Lebensfreude die alltägliche Brutalität enthüllt.

Der späte Publikumserfolg dieser Lieder hat Kreisler derart gekränkt, daß er manche umschrieb. Aus der Aufforderung zum Taubenvergiften wurde so die Aufforderung, Unfall im Atomkraftwerk zu spielen. Hinter solchen Veränderungen steckte der Mut der Verzweiflung, die meisten neuen Liedfassungen sind jedoch schlechter als das Original. Man merkt ihnen den Zwang an, etwas nach außen zu kehren, das vorher verborgen war, und ihre Eindeutigkeit nimmt ihnen die Brisanz. Kreisler kann man das kaum vorwerfen, er hat nur auf die Dummheit des Publikums reagieren wollen. Dies wiederum ließ das Publikum sich nicht gefallen. Wurden Kreislers frühe Lieder nach einigen Jahrzehnten auch von seinen Gegnern goutiert, so wurden doch seine aktuellen Produktionen immer abgelehnt. Daß er seinen eigenen Weg ging, nahm man ihm übel - gerade auch im Lager der berufsmäßigen Dissidenten.

So waren es nicht nur Antisemiten, sondern auch vermeintlich Linke, die seine 1966 erschienene Platte »Nichtarische Arien« kritisierten. Weil Philosemiten schon immer besser als die Juden wußten, was diese zu tun und zu lassen haben, hielt man Kreisler vor, er dürfe in seinen Songs nicht »jiddeln«, da er damit antisemitische Klischees bediene. Daß Kreisler mit seinen Chansons, die aus einem Fundus jüdischer Anekdoten, Volksmelodien und Selbststilisierungen schöpften, an eine durch das »Dritte Reich« zerstörte Tradition anknüpfen wollte, wurde dabei übersehen. Es waren ja vor allem Juden, die bis in die dreißiger Jahre die deutsche Unterhaltungsmusik geprägt hatten. Die Wärme und Urbanität der Chansons von Friedrich Hollaender, Willi Rosen oder Armin Berg, die nach 1933 vom Gleichschritt des Volksmusiktakts übertönt wurden, klingen in Kreislers Melodien nach. In »Der Leisten« hat er der jüdischen Sprachkritik mit ihrer Verkehrung gängiger Phrasen Referenz erwiesen, in »Der General« dem Antimilitarismus des Judentums Respekt gezollt und in »Der Witz« die Lakonie des jüdischen Humors satirisch überdreht. Auch Kreislers Fähigkeit, das Traurigste frohgemut zu sagen, erinnert an die Melancholie jüdischer Couplets.

Während der jüdische Akzent in Kreislers Texten als Reminiszenz an eine verschüttete Kultur eingesetzt wird, dient ihm der Wiener Dialekt als Ausdruck von Gewalt. Wenn Kreisler wienerisch singt, kriecht er wie Karl Kraus in seine Feinde hinein und läßt sie plappern, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist: »Wo sind die Zeiten dahin, / als es noch g’mütlich war in Wien! / Als noch der guate alte Hitler bei uns einmarschierte, / als man die jüdischen Geschäfte einfach arisierte, / als man die Juden dort, wo’s hing’hören, in die Lager steckte«, singt er zu Mozarts Musik. Die Erfahrung, daß der Tod ein Wiener sein muß, wandert in den Klang der Sprache ein, aus der die Lust auf den Lynchmord trieft - wie im Flüsterlied von der Hexe, worin die Kinder ermahnt werden, sich nicht mit einer alten Frau einzulassen, die »nicht wie wir« ist. Nie sonst ist das mörderische Gerücht, das durch alle Häuser wandert und zum Pogrom führt, so anschaulich vorgeführt worden wie in diesem heimtückisch gewisperten Lied, das mit der Aufforderung schließt: »Dann ohne Schonung, / rein in die Wohnung, / Leute, schlagt zu!«

Hinterhältigkeit und Haß auf jeden Denkenden, Gemütlichkeit und weinselige Lebenslust - in allen Songs hat Kreisler diese Welt des Wiener Walzers, die Haltung des »Man muß das Leben nehmen, wie es kommt«, als Maske von Duckmäuserei denunziert. Der bloße Tonfall seiner Stimme, das Unprätentiöse und Schneidende ermuntern mehr zum Widerstand als die gängige »Vorwärts, und nicht vergessen«-Rhetorik. In den späten sechziger Jahren, als Franz Josef Degenhardt die Genossen aufforderte, sich in die rote Front einzureihen, blieb Kreisler auf Distanz. Seine 68er-Platte hieß »Anders als die andern«. In ihrem Titellied erläutert er die Prinzipien der Gesellschaftsordnung à la BRD: »Wenn man immer was andres spricht als die Blöden, / ja, wie sollen denn die Blöden dann mit dir reden? / Und die Majorität ist auf jeden Fall blöd, / weil ein Blöder nichts riskiert, / weil er nichts verliert, / und er wird von allen kopiert.«

Obwohl die Studentenrevolte auch Kreisler »politisierte«, war er sich bewußt, nicht nur durch die Generationenkluft von den neuen Rebellen getrennt zu sein. Wie Adorno, der im Hörsaal von Studenten vom Podium gejagt und als Spießer verlacht wurde, war es Kreisler mulmig bei dem Gedanken an einen deutschen Aufbruch, in welche Richtung auch immer. Sein Chanson »Warum?«, das in seiner kinderliedhaften Knappheit brillanteste Stück politischer Lyrik dieser Zeit, stiftet kein neues Wir-Gefühl und ermutigt nicht zum Durchhalten. Es fragt einfach nur: »Warum sind die Leute so fügsam / und fürchten den leisesten Wind? / So wie Gerten geschmeidig und biegsam / und im Leben und Tode genügsam?« und antwortet: »Sei nicht wie die Leute, mein Kind.« Widerstand vermag sich nur mehr negativ, in der Verweigerung, zu artikulieren.

Von den siebziger Jahren an wird Kreislers Lyrik düsterer und rigoroser. Seine Texte begleitet er wie stets allein am Klavier, anders als Degenhardt oder Wader experimentiert er kaum mit komplexeren Arrangements. Aber wenn er es doch einmal tut, ist das Ergebnis von atemberaubender Schlagkraft.
Seine Platte »Allein wie eine Mutterseele« von 1974 enthält mit den Liedern »Wenn ihr lachen wollt«, »Im Warenhaus« und »Wenn die Mädchen nackt sind«, in denen die Welt als Leichenhalle und Abnormitäten-Panoptikum vorgeführt und jeder einverstandene Humor als Barbarei bloßgestellt wird, gewagte Musik- und Toncollagen, ein Ineinander von Geigenklängen, Comedian-Harmonists- Geträllere, Fliegeralarm und Kinderschluchzen, den Lärm einer aus allen Fugen geratenen Welt.

Aber selbst in seinen rabiatesten Beiträgen zum Genre des »politischen Liedes« (die besten sind unter dem Titel »Vorletzte Lieder« versammelt) ist Kreisler den skurrilen Miniaturen Robert Walsers oder Walter Serners näher als marktgängiger »Gebrauchslyrik«. Texte zu schreiben, die sich politischer »Verwertbarkeit« entziehen, erschien ihm, der schon 1971 den Tod des zur Volksbelustigung depravierten Kabaretts ausrief, als die bessere Form von Praxis in einer Gesellschaft, der scheinbar nur mehr durch blinde Gewalt und nicht durch vernünftiges Handeln begegnet werden kann. »Morden, einmal jemand morden! / Was ist denn geworden, / daß mir dieses Wort so menschenfreundlich scheint«, heißt es in den »Vorletzten Liedern«. Spielerisch wird die »Unbrauchbarkeit« von Kunst in einer Zeit reflektiert, die nichts als falsche Alternativen kennt: »Alles ist unzulänglich, / und ich sehne mich / nach dem Zulänglichen. / Aber auch das Zulängliche / ist zu länglich. / Also sehne ich mich / nach dem Länglichen. / Doch auch das Längliche / ist unzulänglich geworden. / Also sehne ich mich nach gar nichts. / Und auch das ist nicht gar nichts, / sondern unzulänglich.«

Desillusionierung ist das ästhetische Prinzip dieser Texte, in denen sich Kreisler wie jener alte Portier im gleichnamigen Lied als »unheilbar gesund« erweist: gezeichnet von einer Klarsicht, die den Zeitgenossen, die Selbstverdummung zur Lebensmaxime erheben, krankhaft und »verdreht« erscheinen muß. Leider werden diese späten Songs oft von Kreislers zweiter Partnerin Barbara Peters gesungen, deren pathetischer Duktus ihnen weniger angemessen ist als die Nonchalance, mit der Topsy Küppers seine Lieder in den sechziger Jahren intonierte.

Daß Pathos und Larmoyanz Kreislers Texten fremd sind, zeigt sich vor allem an seinen Liebesliedern.
Viele von ihnen, wie »Die Ehe« oder »Ein Abend zu zweit«, huldigen der Liebe nur mehr negativ, durch erbarmungslose Analyse ihrer Abwesenheit. Werden doch einmal die »großen Gefühle« besungen, dann ohne verlogene Affirmation. Kreislers »Seltsame Liebeslieder« sind von zarter Versponnenheit. Während Degenhardt, wenn er sich diesem Sujet widmet, oft in einen pubertären Draufgängergestus verfällt, der eher als unfreiwillige Parodie denn als poetische Adaption Villonscher Lyrik erscheint, rettet Kreisler die romantische Liebesutopie der Freiheit vom Rollenzwang mit einem Kalauer: »Kennst du das Land, wo die Schablonen blühn? / Von dort möcht‘ ich mit dir nur fort, Geliebte, ziehn.«

Mit Rückzug hat das nichts zu tun. Keine neue Innerlichkeit empfiehlt Kreisler, sondern Mut zum Eigensinn, zur krausen Phantasie und Spinnerei. Die Utopie der freien Gesellschaft ist verkapselt in einer konsequent ihrer eigenen Dynamik folgenden Nonsenssprache im Geist von Ringelnatz und Morgenstern. Was irrwitzig und albern dünkt, wird zum Glücksversprechen, wie die »Schizophrenie«, die »zu allem Hihi« sagt, oder die zwei alten Tanten, die mitten in der Nacht im Achterhaus Tango
tanzen: »Die bringt kein greller Pfiff / nach Tel Aviv, / nach Kairo, nach Korinth, / die ruft kein Muezzin / zum Suez hin, / die bleiben, wo sie sind.«

Auch Kreisler, der am 18. Juli achtzig wird, ist geblieben, wo er immer war: anderswo. Als er Mitte der achtziger Jahre Gefahr lief, zum belächelten Fossil zu werden, komponierte er satirische Musicals und verlegte sich aufs Prosaschreiben. Doch eines hat er nie getan: im Namen eines Kollektivs gesprochen. Sein jüngst erschienener Band Heute leider Konzert, eine Sammlung von Travestien über die Kunst und deren Feind, den Kunstbetrieb, enthält den Satz, der größte Dienst, den man seinem Vaterland erweisen könne, bestehe darin, es abzuschaffen.

Ein Vaterland hat Kreisler, der amerikanischer Staatsbürger ist, in Basel lebt und sich weder als Österreicher noch als Amerikaner noch als Schweizer fühlt, bis heute nicht. Und vielleicht hat er gut daran getan, sich nicht behaglich in der Rolle des »Makabristen« einzurichten, auf die man ihn hat festlegen wollen. Die traurige Pose des greisen Witzereißers, der die Kabarettbühnen heimsucht, obwohl seine Tage längst gezählt sind, hat er, anders als viele Kollegen, seinem Publikum erspart.

Statt dessen bemüht sich Kreisler um die Förderung von Künstlern, die auf eigene Weise fortsetzen, was er begann. Zu seinen jüngsten Projekten gehört ein Soloprogramm für den Berliner Chansonnier Tim Fischer, einem Interpreten seltsamer Gesänge von Hollaender über Kreisler bis Cora Frost. Es werden wohl weiterhin die Einzelgänger unter den Chansonsängern sein, in deren Arbeit der Anspruch von Kreislers OEuvre fortwirkt.


Konkret ist zu erreichen unter www.konkret-verlage.de


Schlagzeilengk_ticker
gk_ob19 gk_un22 gk_ob30 gk mi34

gk_luft
gk_liniegk_linie

 


gk_linie


© 2004 - 2015 kip media
e-Post: info@kip-media.de


Gestaltet auf dem Macintosh unter MacOS X