gk_3bgr
1-32-33-14-25-26-37-2
1-1li3b23c13d23e23f23g23h21-1re1-1li3b23b23c13h23h21-1re

konkretluftMarkus Metz, Georg Seeßlen: Kunst kommt von Revolution
KONKRET-Gespräch mit Georg Kreisler. Erster Teil.
Konkret – Nr. 07/ 2002
Dank an Konkret Verlage für den Text...

KONKRET: Ihre Kindheit verbrachten Sie in Wien. Wann beginnt Ihre Erinnerung?

Kreisler: Es gibt keinen genauen Punkt, an dem meine Erinnerung an die Kindheit einsetzt und wo sich dabei das Private und das Politische berührten. Aber natürlich erinnere ich mich an die großen Ereignisse. Ich erinnere mich an den Brand des Justizpalastes, der war im Jahr 1928, wenn ich nicht irre, ich erinnere mich an die Ermordung des damaligen Kanzlers Engelbert Dollfuß, den man eigentlich schon seines Vornamens wegen umbringen hätte sollen. Das war, glaube ich, im Jahr 32.
Ich erinnere mich auch, daß damals schon die Nazis stark waren und in SA-Uniformen einander mit »Heil Hitler« grüßend herumliefen, bis sie dann verboten wurden. Aber auch dann hat man sie noch erkannt, denn sie haben weiße Kniestrümpfe getragen. Und ich erinnere mich sehr gut an den Einmarsch der deutschen Truppen im März 38, da war ich fünfzehn. Nach einem halben Jahr bin ich dann mit meinen Eltern ausgewandert.
Ich habe das Klavier-Lernen mit sieben Jahren angefangen, am Wiener Konservatorium, und dann, wie es ins Gymnasium ging, habe ich dazu noch Musiktheorie genommen und Violine und ein bißchen Oboe - also, ich war schon ein halb ausgebildeter Musiker, als ich nach Amerika kam. Dort bin ich dann noch in die Kappellmeisterschule gegangen, in Los Angeles.

Das klingt nach einem umfangreichen Stundenplan für einen Jugendlichen.

Ich habe viel zu tun gehabt als Kind. Das Gymnasium war nicht allzu leicht. Ich mußte eine Menge Hausaufgaben machen, und gleichzeitig sollte ich am Tag mindestens zwei Stunden Klavier üben, dazu wenigstens eine Stunde Geige, dann kamen noch Hausaufgaben in Musiktheorie dazu, es war eigentlich nicht zu bewältigen. Ich habe keine fröhliche Kindheit gehabt. Eine gute vielleicht insofern, als meine Eltern eine gute Ehe geführt haben, aber sie waren auch sehr streng mit mir. Ich habe mich schon unterdrückt gefühlt, damals. Und dazu kamen natürlich auch die politischen Umstände. Der Antisemitismus war beinahe überall zu spüren. Es war keine glückliche Kindheit.
Nur auf dem Konservatorium selbst gab es kaum antisemitische Strömungen. Der Direktor war Jude, meine Klavierlehrerin war Jüdin. Aber im Gymnasium, in der Volksschule, wie das damals in Österreich hieß, als ich sechs, sieben Jahre alt war, warteten auf mich und meinen Freund Ludwig Edelstein immer ein paar »arische« Schüler, um uns zu verprügeln. Und in der Mittelschule erlebte ich den Antisemitismus von oben.

Die Auswanderung kam also nicht so überraschend für Sie?

Doch. Denn das war ja noch kein offizieller Antisemitismus, es war ein inoffizieller Antisemitismus. Man hat mal einen Juden in der Schule ein bißchen verprügelt, und die Lehrer haben weggesehen. Mein Vater, der Rechtsanwalt war, wurde nicht Richter, weil er wußte, daß er als Beamter nicht befördert werden würde - aber das waren alles inoffizielle Sachen. Offiziell wurde es dann mit Hitler, jetzt wurde man aller Rechte beraubt. Das war sehr kraß von einem Tag auf den anderen. Das war etwas ganz anderes und für uns jeden Tag lebensgefährlich. In Wien wurde man gezwungen, Straßen zu säubern - mit einer Zahnbürste. Man hatte dauernd Angst. Das war eine ganz andere Art von Antisemitismus, als wir sie vorher erlebt hatten. Es war gegenüber uns einfach alles gestattet, und unsere Wiener Mitbürger haben auch getan, was ihnen erlaubt war. Wir konnten noch mit der Straßenbahn fahren, aber nur auf der Außenplattform, die es damals noch gab, stehend, kein Jude durfte sich setzen. Man konnte in kein Kino, in kein Theater mehr gehen - das gab es alles vor Hitler nicht. Und jetzt hatten wir keine andere Wahl mehr.

Sie emigrierten. Wie war das in Amerika?

Die Ankunft brachte für mich zwei ganz unterschiedliche Erfahrungen. Einerseits hatte man urplötzlich kein Geld. Überhaupt keines. Man durfte damals, glaube ich, zehn Mark mitnehmen. Wir hatten allerdings die Möbel mitgenommen, das durfte man, aber kein Geld. Es war eine sehr bedrückende Situation, finanziell. Mein Vater als Rechtsanwalt hatte gar keine beruflichen Möglichkeiten. Ich hatte einen Cousin dort, der uns fürs erste ein bißchen unterstützte, aber das war - nun ja, wie einen ein Cousin eben unterstützt.
Andrerseits war für mich als Sechzehnjährigen Amerika ein Wunderland. Was das war, das war ja noch nicht bis Europa gedrungen, man wußte gar nichts davon, und vor allem: Das war Kalifornien, mit dem ewigen Sonnenschein, mit Orangen- und Avocadobäumen an der Straße, mit dauernd lächelnden Leuten. Ich ging zuerst in die Highschool, und da war der Unterricht so zwanglos, wie man es sich in Europa damals nicht vorstellen konnte. Die Professoren waren hemdsärmelig, sprachen jeden mit Vornamen an, was an unseren Gymnasien damals undenkbar war; man konnte sich seine Unterrichtsstunden bis zu einem gewissen Grad aussuchen. Das war alles viel einfacher, freundlicher und fröhlicher als in Europa. Für mich war das ein sehr schönes Erlebnis.
Ich bekam die amerikanische Staatsbürgerschaft, ganz regulär fünf Jahre nach der Einwanderung. Da war ich schon Soldat. Man konnte nur als amerikanischer Staatsbürger nach Übersee geschickt werden. War man nicht amerikanischer Staatsbürger, konnte man sich auch weigern, in die Armee einzurücken, wobei einem gesagt wurde: Die Weigerung muß nicht unbedingt etwas nutzen, man kann trotzdem eingezogen werden, und man kann auch eingesperrt werden. Geweigert hat sich aber, soweit ich weiß, niemand.
Ich habe die ganze Spionageschule mitgemacht, habe in der Verhörerschule gelernt, was man Gefangene fragen muß. Ich bin dann nach England gekommen, wurde aber nicht sofort eingesetzt, sondern in ein Auffanglager geschickt, und da ergab es sich, wie weiß ich nicht mehr ganz genau, daß es hieß, während ihr hier wartet, könnt ihr ja eine Show machen. Ich habe ungefähr dreißig Mitstreiter gefunden, alles keine Professionellen, bis auf den Bühnenbildner. Ich habe die Musik geschrieben und inszeniert. So haben wir eine kleine Revue zusammengestellt, mit einer kleinen Handlung. Sie hieß »Out of this World«, und mit der sind wir kreuz und quer durch England gefahren, von einem Soldatenlager zum anderen. Dann kamen noch ein paar weitere kleinere Versuche hinzu.
Und dann habe ich auch angefangen, selber Texte zu schreiben, auf Englisch. Ich wurde eine Art Alleinunterhalter für die Truppen, das half mir, nicht irgendwelche miesen Arbeiten in der Küche tun zu müssen. Mein bescheidener Ruhm hat mich zu einer Einheit gebracht, wo eigentlich nur Historiker und Politologen und dergleichen arbeiteten. Die sollten die ranghöchsten Deutschen verhören. Man hat mich dorthin geholt, weil ich lustige Lieder gesungen habe. Ich mußte auch keine Aufnahmeprüfung absolvieren wie alle anderen in dieser Elitetruppe. Das hat mir die Gelegenheit gegeben, ranghohe deutsche Politiker, Generale usw. zu sehen, zum Teil auch zu verhören, wobei ich immer nur das Erstverhör machte, also: Wo sind Sie geboren? etc., keine Sachfragen, das war dann den Fachleuten vorbehalten.
Aber so habe ich mit Göring gesprochen, so habe ich mit Streicher gesprochen, mit Kaltenbrunner und mit ein paar Generalen. Es waren alles höchst unangenehme Begegnungen. Göring hat versucht, witzig zu sein, war sehr stark abgemagert, war ganz dünn, im Gegensatz zu den Bildern, die man heute von ihm kennt, und Streicher war eigentlich nicht mehr zurechnungsfähig. Er wußte nicht mehr genau, was er sagte. Die anderen haben meistens gesagt, wir waren sowieso nicht sehr dafür, aber was konnte man dagegen machen. Man mußte eben tun, was der Führer sagte.

Es fällt schwer, sich den Aufstand der Gefühle in Georg Kreisler vorzustellen, als er in Uniform den Peinigern von damals gegenüberstand.

Es war vor allem Haß auf die Deutschen. Haß auf die Nazis. Das ist ganz klar. Ich war bei der sogenannten Military Intelligence - ich habe mal gesagt, Military und Intelligence, das ist ein Widerspruch in sich - , weil ich deutsch konnte. Es war seltsam: Ich war in einem deutschen Gefangenenlager, in der Nähe der französischen Stadt Compiègne, und diese Gefangegen, das hat man sehr bald bemerkt, waren durchaus immer noch überzeugte Nazis, obwohl der Krieg damals, 1944, schon ziemlich sicher verloren war. Sie haben ihre militärischen Ränge und ihre militärischen Regeln und ihre Sprechweisen beibehalten. Da gab es ein Gericht, und da gab es eine gegenseitige Verfolgung. Den Amerikanern war das natürlich recht. Als Ordnungsfaktor, und außerdem haben sie sich gesagt: Wenn die so blöd sind, was sollen wir uns da groß mit ihnen anstrengen.
Auch bei den Leuten, die ich vernommen habe oder bei deren Vernehmung ich dabei war, hatte man durchaus das Gefühl, sie denken: Schade, daß wir den Krieg verloren haben, aber wir sind Nazis geblieben. Oder sie haben sich herausgeredet: »Wir waren nie Nazis«. Diese beiden Extreme gab es.
Es war sehr merkwürdig vor diesen Figuren zu stehen, die vorher die ganze Welt in Furcht und Schrecken versetzt haben. Sie ähnelten in gar keiner Weise dem, was man vorher gedacht hatte. Das waren alles alte, gebrochene Männer; dem Streicher zum Beispiel, dem mußte man alles wegnehmen, damit er sich nicht umbringen konnte. Sie mußten sich die Hose selber hochhalten, sie mußten in Holzschuhen gehen. Sie waren sehr unterwürfig. Man hat sich da doch ein anderes Bild gemacht als das, was man da zu sehen bekam. Es gab eine ganze Menge unter uns, die darauf überhaupt keine Rücksicht nahmen und die Gefangenen schlecht behandelten und ihnen ein paar Ohrfeigen gaben undsoweiter. Das habe ich nie getan. Ich konnte nicht einem alten Mann, wie er so vor mir stand, einfach eine runterhauen. Das war mir nicht gegeben. Ich habe schon manchmal bei anderen Gefangen, wenn einer sehr renitent war, gesagt, man solle ihm sein Bett wegnehmen, und er solle drei Nächte auf dem Fußboden schlafen. Dergleichen, um sie ein bißchen gefügiger zu machen, wie es so üblich ist, in Kriegszeiten. Aber zu mehr ist es bei mir nicht gekommen.

Haben Sie einen Menschen mit Reue getroffen? Mit Schuldgefühlen?

Mit Schuldgefühlen nicht. Aber in dem Gefangenenlager in Compiègne gab es einige Deutsche, Vertrauensleute, die wir uns hielten, damit sie uns sagten, was im Lager vor sich ging. Das waren offensichtliche Hitlergegner. Ich weiß nicht, wie man zu denen kam; als ich hinkam, waren bereits vier oder fünf solcher Leute tätig, die uns dann immer berichteten, was im Lager vor sich ging.
Gab es denn in Amerika selbst auch so etwas wie Vorbehalte gegen Menschen, die aus Europa kamen?
Nein, damals auf keinen Fall. Ich kam ja nach Hollywood, wo viele Menschen aus Europa arbeiteten. Natürlich hatten es Schauspieler schwer, weil sie nur Rollen spielen konnten, wo sie einen Akzent haben durften. Auch ich hatte es als Musiker am Anfang sehr schwer. Ich habe ein bißchen Klavierunterricht gegeben und habe bei Gesangslehrern korrepetiert und dergleichen, bis ich zum Film kam. Auch das war in sehr untergeordneten Positionen, allerdings war es damals schon besonders gut bezahlt - und schwer zu kriegen.
Ich erinnere mich an meinen ersten Filmjob, das war ein ganz komischer Film, ein Film über Franz Schubert, der hieß »New Wine«. Da mußte ich eigentlich nur dem Darsteller des Schubert beibringen, wie man die Hände hält, wenn man Klavier spielt und mußte bei der Choreographie - es wurde auch etwas getanzt - begleiten und durfte mal die Unvollendete oder andere Stücke von Schubert zu kürzen versuchen und solche Dinge. Da bekam ich siebzig Dollar die Woche. Wir haben damals zu dritt, also meine Eltern und ich, ungefähr 130 Dollar im Monat gebraucht - also war 70 Dollar die Woche damals sehr viel Geld für uns.
Viel später habe ich dann auch mit Charles Chaplin zusammengearbeitet, im Jahr 1946, also nach dem Krieg. Das war der Film »Monsieur Verdoux«, da war ich schon 23. Meine Arbeit an dem Film war zweierlei: Erstens spielte Chaplin Klavier, aber er tat nur so, und damals machte man das so, daß ich im Off saß, neben der Kamera, und den Chaplin beobachtete, und danach mein Klavierspiel richtete. Das zweite war, daß Chaplin ja auch die Musik zu dem Film komponierte, und die hat er mir immer vorgepfiffen. Ich habe sie dann aufgeschrieben und zu Hanns Eisler genommen. Der lebte in Malibu, also auch in Kalifornien, aber eine gewisse Fahrt entfernt, und habe ihm dieses Geschreibsel, was ich da von Chaplin notiert hatte, übergeben, und er hat es dann instrumentiert. Erstaunlicherweise wird Hanns Eisler im Film nicht mehr erwähnt. Ich habe mir sagen lassen, daß es ein Zerwürfnis zwischen ihm und Chaplin gab, und er wollte mit dem Film nichts mehr zu tun haben. Ich weiß aber nicht genau, um was es dabei ging.

Wann wollten Sie aus Hollywood weg? Und warum?

Ende 1945 wurde ich aus der Armee entlassen und war dann bis Ende 46 wieder in Hollywood, machte eben diesen Chaplin-Film und zwei andere Filme bei Universal. Aber ich habe das Gefühl gehabt, daß ich da in Hollywood nicht weiterkomme. Hollywood war damals eigentlich nur eine Filmstadt, es gab etwas Radio, es gab aber kaum Theater, kaum Musik, und ich wollte halt doch mehr in die große Welt und bin dann nach New York übersiedelt. In New York war ich noch neun Jahre lang, und Anfang 55 ging ich nach Europa.

War es schwer für Sie mit Ihren Liedern den amerikanischen Geschmack, die amerikanische Seele zu treffen?

Das Schwierige war die Sprache; ich hatte immer einen kleinen Akzent. Aber als ich nach New York kam, hatte ich keine Schwierigkeiten, auch den amerikanischen Humor, die amerikanische Seele, wie Sie es nennen, zu begreifen. Ich habe auch nicht nur Lieder geschrieben, ich habe auch Kurzgeschichten und einen Roman geschrieben, der leider nie veröffentlicht wurde. Ich habe auch Comedy-Nummern für andere Komiker geschrieben und dergleichen mehr. Ich war eigentlich schon ein Amerikaner geworden - mindestens so sehr, wie es der Kissinger war.

Und die Musik, die amerikanischen Idiome Swing, Jazz, Rock’n’Roll, Pop? War das auch künstlerisch eine Befreiung für Sie?

Eine Befreiung würde ich das nicht nennen. Ich war nach wie vor klassischer Musiker. An Rock, Pop und dergleichen habe ich mich nie angepaßt. Auch nicht an den Jazz. Die klassische Musik blieb immer mein Fixpunkt. Ich habe in jüngster Zeit, wie Sie vielleicht wissen, eine moderne Oper geschrieben, die 2000 in Wien uraufgeführt wurde. Es ist eine komische Oper, eine normale durchkomponierte Oper mit ein paar, sagen wir einmal, Kurt-Weill-Elementen, aber nicht sehr viel.

Was macht die komische Oper aus?

Die komische Handlung. Und die Musik, die sich ihr anpaßt. Die Oper heißt »Der Aufstand der Schmetterlinge«, also der Aufstand der Machtlosen. Sie handelt von sechs jungen Leuten, die in einem Anfall von Irrsinn nach Afrika gehen, um dort eine Oper zu schreiben. Das ist schon eine komische Oper. Der letzte Akt spielt dann im Altersheim, und die Oper-in-der-Oper wurde immer noch nicht gespielt.

Eines der Elemente, die wir an Georg Kreislers Kunst bewundern, ist seine Art, nicht nur Musik zu komischen Texten, sondern so etwas Schwieriges wie komische Musik zu komponieren. Dürfen wir da frecherweise nach Methode, Stil, Arbeitsweise fragen?

Ich habe einen natürlichen Hang zum Komischen. Aber wo es herkommt und warum es da ist, weiß ich nicht. Ich habe in meiner Familie keine Komiker, ich habe einen Drehbuchautor, Walter Reisch, meinen Cousin, der hat ganz große Drehbücher für die Ufa und dann auch in Amerika geschrieben. Mit ihm habe ich auch zusammengearbeitet. Er hat seinen Film »Maskerade«, der ein großer Erfolg damals war, in ein Singspiel, eine Operette umgearbeitet. Ich habe die Musik dazu geschrieben, er hat die Liedertexte gemacht. Und dann hatte ich einen Onkel, der war ein Stummfilmproduzent, hat aber eigentlich nie einen Film produziert, sondern er war das, was man einen Schnorrer nennt. Der hieß Otto Kreisler. Der ging schon in sehr jungen Jahren nach Berlin, und von dort nach Prag und von dort nach London. Ob er sehr komisch war, weiß ich nicht.
Auch auf die Frage nach dem Wesentlichen bei meinem Schreiben gebe ich eine für Sie sicher unbefriedigende Antwort: Das Wesentliche für mich ist, daß mir etwas einfällt. Ich schreibe keine Tatsachenberichte oder Artikel. Ich bin ein ganz schlechter Journalist; ich habe schon für manche Zeitungen geschrieben, und es ist nie sehr gut geworden. Allerdings das letzte Buch - es heißt Lola und das Blaue vom Himmel, ein autobiographisches Buch - das ist ein Bericht von Tatsachen, der mir ausnahmsweise, glaube ich, geglückt ist. Aber ich tue mich sonst sehr schwer mit Tatsachen. Beim Arbeiten denke ich schon gar nicht an Tatsachen, das kommt alles aus dem Unbewußten. Folglich kann ich nicht sagen, das für mich Wesentliche ist, etwas über das und das auf diese oder jene Weise zu schreiben. Ich schreibe immer gerade das, was mir einfällt.

Haben Sie in New York immer daran gedacht, irgendwann zurück nach Europa zu gehen?

Überhaupt nicht. Ich fühlte mich vollständig amerikanisch. Ich hatte nur nach acht, neun Jahren New York das Gefühl, daß ich es nicht weiterbringe, als ich schon bin. Ich war damals vier Jahre lang in ein und derselben Bar, jeden Abend, sechs Abende die Woche, habe immer dasselbe Programm gemacht, das darin bestand, mit den Gästen zu sprechen und möglichst viele Witze dabei zu machen. Was ich sonst außerhalb versuchte, ging gelegentlich, meistens aber nicht. Ich habe mal was für das Radio oder für das Fernsehen geschrieben, war auch einmal zweite Besetzung in einer Broadway-Komödie, habe ein paar meiner Kurzgeschichten veröffentlichen können. Aber es war eigentlich zu wenig. Darum habe ich mir gedacht, ich müßte es einmal in Europa versuchen, ich habe nicht daran gedacht, dort auch zu bleiben.

Warum die Wiener ihn nicht als Wiener, die Amerikaner ihn aber als Amerikaner betrachten, wie er über Anarchie, Anpasserei, Glauben, DDR-Generale denkt und was er von Schlingensief, Gysi, den Antisemiten Walser, Schirrmacher, Möllemann und Westerwelle hält, lesen Sie im zweiten Teil des Gesprächs, das Markus Metz und Georg Seeßlen für KONKRET mit Georg Kreisler führten, im Augustheft von KONKRET.

Konkret ist zu erreichen unter www.konkret-verlage.de


Schlagzeilengk_ticker
gk_ob19 gk_un22 gk_ob30 gk mi34

gk_luft
gk_liniegk_linie

 


gk_linie


© 2004 - 2015 kip media
e-Post: info@kip-media.de


Gestaltet auf dem Macintosh unter MacOS X