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konkretluftMarkus Metz, Georg Seeßlen: Kunst kommt von Revolution
KONKRET-Gespräch mit Georg Kreisler. Zweiter Teil.
Konkret – Nr. 08/ 2002
Dank an Konkret Verlage für den Text...

KONKRET: Die Rückkehr aus Amerika - was war das für ein Gefühl?

Kreisler: Ein sehr seltsames Gefühl. Viel seltsamer als das Gefühl, nach Amerika zu kommen. Ich hatte ja auch Schwierigkeiten mit der deutschen Sprache. Ich ging zuerst nach Wien und habe den Wiener Dialekt zunächst nicht verstanden. Ich konnte den Leuten einfach nicht folgen und habe manchmal irrtümlich englisch gesprochen. Vielleicht hatte sich auch der Wiener Dialekt in der Zwischenzeit verändert. Es waren siebzehn Jahre vergangen, und bei mir zu Hause war nicht richtig Dialekt gesprochen worden, Dialekt wurde in der Schule gesprochen, aber bei unseren Bekannten und Verwandten mehr oder weniger österreichisches Hochdeutsch.
Die deutsche Sprache war auch ansonsten schwierig. Wenn man als Sechzehnjähriger wegkommt, vergißt man einiges. In Amerika habe ich auch nur noch englischsprachige Literatur gelesen; ich habe jahrelang nichts mehr auf deutsch gelesen. Das habe ich dann alles nachgeholt.

Bekommt man vielleicht auch dadurch einen neuen Blick, ein genaueres Gespür für die Sprache, für ihre Absurdität? Eine distanzierte Perspektive?

Das Fremdsein ist ein Wesen meiner Kunst. Das Darüberstehen. Oder das Danebenstehen. Ich betrachte mich auch nicht als Wiener. Vor allem aber die Wiener betrachten mich nicht als Wiener.
Ein Deutscher ist nur solange ein Deutscher, solange er von den Deutschen als Deutscher empfunden und als solcher akzeptiert wird. Wenn jemand das nicht wird und das Gefühl hat, daß er das nicht ist, dann kann man ihn auch nicht als Deutschen betrachten. Und das gilt sicher für alle. Ich habe durchaus nicht das Gefühl, daß ich von den Österreichern als Österreicher betrachtet werde. Vielleicht wenn ich tot bin. Aber vorläufig, solange ich lebe, nicht. Von den Amerikanern hingegen werde ich durchaus als Amerikaner betrachtet, obwohl ich mit Akzent spreche. Das ist ein Einwanderungsland. In New York hat angeblich jeder zweite irgendeinen Akzent.
Hingegen fühle ich mich nicht so sehr als Amerikaner, wie mich die Amerikaner als Amerikaner empfinden. Die Amerikaner empfinden schnell jemanden als Amerikaner. Eine kleine Anekdote: Wir waren mit amerikanischen Freunden zusammen, und meine Frau, die Schauspielerin Barbara Peters, wurde gefragt, warum sie nicht auch in Amerika schauspielert. Darauf hat sie erklärt, sie habe einen deutschen Akzent ... Und die Fragerin hat gemeint, das störe doch nicht.
Ich habe dann gefragt, was würdest du denn denken, wenn du zum Beispiel ein Cowgirl mit einem deutschen Akzent in einem Film sehen würdest. Und daraufhin hat sie gesagt: Ja, dann würde ich denken, das ist ein Cowgirl mit einem deutschen Akzent. Also man sieht, daß die Amerikaner Ausländer absolut akzeptieren, vorausgesetzt, sie haben das Gefühl, daß die dort auch leben wollen.

Warum akzeptieren die Wiener Sie nicht als Wiener?

Wahrscheinlich aus Antisemitismus, und wegen der Emigration. Man weiß ja, daß auch die Deutschen nicht sehr glücklich darüber waren, daß der Willy Brandt emigriert ist, daß er also nicht für Deutschland den Krieg mitgemacht hat. Vor allem aber ist es der Antisemitismus. Ich glaube nicht, daß ein Jude in Österreich als Österreicher voll akzeptiert wird. Ich erinnere mich, wie man die Vergangenheit der Salzburger Festspiele im Fernsehen feierte und verschiedene Auszüge aus früheren Jahren vorführte. Und als man bei Max Reinhardt ankam, da fing man plötzlich an, jüdische Musik zu spielen, Klezmer-Musik. Warum? Der Max Reinhardt war Österreicher, in Salzburg geboren. Warum hat man da plötzlich jüdische Musik gespielt? Die Antwort ist offensichtlich.
Nicht daß es mir gegenüber eine offene Ablehnung gegeben hätte. Es gab und gibt ja in Wien eine Reihe jüdischer Künstler, die dort arbeiten, die sich als Wiener vorkommen. Nur sind sie es nicht. Der Karl Farkasc war einer der beliebtesten Kabarettisten in Wien, die man sich vorstellen kann. Und als er starb, waren wirklich Hunderttausende bei seinem Begräbnis, die Straßen waren schwarz vor Menschen, er war ungeheuer beliebt.
Oder denken sie an Bruno Kreisky, der immer wieder als Jude empfunden wurde, überall auf der ganzen Welt - obwohl er sagte, er sei aus dem Judentum ausgetreten. Das geht ein bißchen in den Österreichern nach dem Spruch: »Wer a Jud ist, bestimme ich.« Man akzeptiert, daß Juden mitarbeiten, daß Juden sich als Wiener fühlen und daß Juden Wiener Lieder singen. Das »Fiakerlied«, eines der bekanntesten Wiener Lieder, der Text ist von einem Juden namens Pick. Viele Operettenlieder sind von Juden, da hört der Antisemitismus auf. Dann ist er unser, sagt der Wiener.
Vorläufig ... vorläufig, natürlich. Es kann immer wieder anders kommen. Und deswegen ist eben das Gefühl da, zumindest bei mir, und sicher auch bei anderen Leuten, so ganz Österreicher ist man doch nicht, so ganz kann man doch nicht von Heimat sprechen.

Gibt es einen Unterschied zwischen dem deutschen und dem österreichischen Antisemitismus?

Manche sagen, die Juden gehören alle vergast oder wenigstens hinaus, und andere sagen: Nein, aber ich hätte es nicht gerade gern, wenn meine Tochter einen Juden heiraten würde - aber sonst, ich kenne einige Juden, das sind nette Leute. Da gibt es viele Unterschiede. Zwischen Österreich und Deutschland sind die Unterschiede nicht so gravierend. Antisemit bleibt Antisemit, wenigstens für mich, ich mach’ da keinen Unterschied.

Sie kamen 1955 nach Österreich zurück.

Ich bin damals zu einer Kabarettgruppe gestoßen, aber das war mir nicht sehr angenehm, diese Arte von Kabarett. Es war sehr hierarchisch, es gab keinerlei Kollegialität. Ich habe versucht, etwas anderes zu machen, das ist mir aber nicht recht geglückt. Ich habe in der Bar, wo ich angefangen habe, in der »Marietta-Bar«, eine Zeit als Alleinunterhalter weitergemacht, aber das war mir nicht genug. So habe ich gedacht, jetzt versuche ich es mal anderswo und bin nach München gegangen. Ich war drei Jahre lang in München, dann habe ich in Hamburg gearbeitet, und bin dann wieder nach Wien zurückgegangen. Ich habe vierzehn Jahre in Wien gelebt, aber hauptsächlich in Deutschland und in der Schweiz gearbeitet, nur ganz gelegentlich auch in Wien. Immer nur dann, wenn mich gute Freunde zu irgend etwas Interessantem gerufen haben, wie zum Beispiel zu dieser Oper vor eineinhalb Jahren, aber das war verhältnismäßig selten. Leben konnte man davon nicht.

Damals wurden Ihre Arbeiten ja auch immer mal wieder Opfer der Zensur.

Damals? Meine Sachen werden noch heute zensuriert. Ich kann nicht alles, was ich schreibe, im Fernsehen bringen. Die Dinge, die ich vor dreißig, vierzig Jahren geschrieben habe, die kann ich heute im Fernsehen oder Funk machen. Aber die Dinge, die ich jetzt mache, nicht. Also hat sich eigentlich gar nichts geändert. Die Zensur ist überall, und wenn sie nicht offiziell ist, so ist sie doch die Schere im Kopf. Das zeigt sich vielleicht auch darin, daß bis heute, und ich bin ja jetzt fast fünfzig Jahre wieder hier, sich noch kein einziger wirklich großer deutscher Verlag für mich interessiert, keine einzige wirklich namhafte deutsche Schallplattengesellschaft, die wesentlichen Zeitungen, die »Zeit« oder die »Frankfurter Allgemeine« oder der »Spiegel« - da komme ich nicht drin vor. Ich beschwere mich überhaupt nicht darüber. Es geht mir ja gut. Ich bin versorgt, ich habe eine wunderbare Frau und lebe ein wundervolles Leben. Aber das ist Zensur. Man sagt in den oberen Etagen: Ach, den Kreisler, den wollen wir lieber nicht. Mir geht der Ruf voraus, staatsgefährdend zu sein.

Das sind Sie ja auch.

Also würden auch Sie mich zensurieren, wenn Sie Politiker wären! Ich nehm’s als Kompliment. Die Gefahr ist nicht sonderlich groß. Aber wo, wenn nicht in der Vergangenheit, könnten wir noch Künstler finden, die es zu zensurieren lohnen würde? Im Kabarett suchen Sie vergeblich. Da ist einfach nichts da. Auf der Bühne, auf dem Theater regt sich gelegentlich ein bißchen was. Es werden noch interessante Bücher geschrieben. Ich glaube, daß durch das Kleinerwerden der Welt, ich nehme ungern das Wort »Globalisierung« in den Mund, die Leute besser informiert sind.

Wir sind da nicht so optimistisch.

Ich weiß nicht, ob das optimistisch ist. Ich glaube jedenfalls nicht, daß sich der gegenwärtige Zustand der Welt mit diesem Gefälle zwischen Armut und Hunger bei einem großen und Reichtum bei einem kleinen Teil der Menschheit auf die Dauer halten wird können. Die Frage ist nur: Ändert man es jetzt, stückweise, langsam, versucht man es zumindest, oder kommt da irgendwann ein großer Krach.

Was macht da die Kunst?

Karl Kraus hat gesagt, Kunst kann immer nur vom Aufschrei kommen, nicht vom Trost. Die Kunst, zum Trost gerufen, verläßt mit einem Fluch das Sterbezimmer der Menschheit. Also: Kunst kann immer nur von Revolution her kommen, anders geht es überhaupt nicht. Ich glaube, eine Kunst wie das Schlagerfestival oder dergleichen ist hochpolitisch, aber im falschen Sinn. Alles, was ich schreiben kann, kommt von einem Protest her. Ich kann mir nicht vorstellen, etwas zu schreiben, was ohne Protest ist. Gegen das Gegenwärtige.

Darüber lachweint man ja auch in Ihrem Buch »Heute leider Konzert«, daß von dem gegenwärtigen Kulturbetrieb keine Kraft des Protestes zu erwarten ist.

Dieser Kulturbetrieb ist, wie schon der Marcuse gesagt hat, eine Kultur der Mächtigen. Und die Kultur der Unmächtigen findet halt noch immer im Abseits statt. Aber ich bin immer Optimist gewesen, und ich glaube, daß sich auch immer wieder etwas ändern wird. Darauf muß man schauen, dafür muß man kämpfen.

Sehen Sie irgendwo einen neuen Ansatz, sagen wir bei Christoph Schlingensief, die Formen dieses Kulturbetriebs auch physisch zu zerstören?

Bei Schlingensief bin ich nicht ganz sicher. Das ist doch ein bißchen zu sehr ein Kasperl. Man muß als Künstler das Handwerk einigermaßen beherrschen, um effektiv zu sein. Schlingensief beherrscht es nicht. Aber er ist schon ein Aufsässiger. Und in der Beziehung kann man ihn auch positiv sehen. Aber wenn einen die Leute nicht ganz ernst nehmen, geht auch die Provokation ins Leere: Wenn man sich ehemalige Nazis in Zürich kommen läßt, um auf der Bühne beim Hamlet mitzuspielen, das ist zu weit hergeholt. Eine Provokation um der Provokation willen ist keine. Die Provokation muß von selbst kommen, aus der Kunst heraus. Die muß man nicht suchen. Vielleicht ist das der Kern der Sache, daß Leute wie Schlingensief die Provokation suchen, anstatt sie absichtslos stattfinden zu lassen.

Künstlerisches Unvermögen oder perfekter Ausdruck einer kulturellen Situation?

Beides. Der Dilettantismus nimmt jetzt sehr überhand. Weil es ja auf die Kunst immer weniger ankommt, sondern darauf, daß man sich bemerkbar macht. Daß man die richtige Publicity hat, daß man ins Fernsehen kommt und in den Zeitungen steht. Und wenn man sich so um das kümmern muß, hat man eigentlich keine Zeit mehr, Kunst zu machen. Das Unvermögen setzt sich sozusagen auf natürliche Weise durch.
Und die Anpasserei. Heute sagt man einem jungen Menschen, wenn du zu der und der Plattengesellschaft gehst, darfst du zwar nicht mehr alles machen, aber du kriegst jeden Monat soundso viel Geld und du hast ein sicheres Leben und du kommst ins Fernsehen, und was du dann später machst, ist eine andere Sache. Die Verlockungen, dem Showbusineß zu erliegen, sind immer sehr groß.

Hat die Kunst im allgemeinen, hat das Kabarett im besonderen einen Mangel an Angriffsflächen, wenn die Vorurteile in der Gesellschaft schwächer werden?

Angriffsflächen gibt es mehr als genug. Und Vorurteile ... Man hat keine Vorurteile, wenn jetzt in einer Popgruppe auch Schwarze singen. Ob man kein Vorurteil hat, wenn der Schwarze nebenan wohnt? Aber es geht ja nicht nur um Vorurteile, es geht ja auch um die gerechte Verteilung der Arbeit, um die gerechte Verteilung der Arbeitserträge und so weiter. Da könnte ein Kabarettist noch einiges finden.

Sind auch die Vorurteile gegenüber Juden schwächer geworden?

Ich hoffe es. Die Berichterstattung in den deutschen Zeitungen über den Nahen Osten aber ist doch nahe am: Haut den Juden! Es hat gerade heute wieder einer in der »Basler Zeitung« einen Artikel geschrieben, in dem er die Palästinenser gleichsetzt mit den Juden in der Hitlerzeit. Und das ist einfach falsch. Es wohnen genügend Palästinenser in Israel, die sagen, sie leben lieber in Israel als in einem arabischen Staat, denn in Israel gibt es mehr Demokratie. Und Palästina war nie ein Staat, das darf man nicht vergessen. Wenn sie jetzt einen Staat verlangen, so ist das etwas Neues. Ich bin nicht dagegen, daß sie einen Staat haben, nur gegen die Art und Weise, wie sie einen Staat zu erzwingen versuchen. Man soll nicht vergessen, daß die Palästinenser lange Zeit auf die Auslöschung des Staates Israel hingearbeitet haben und heute immer noch viele darauf hinarbeiten.
Offensichtlich fällt es uns hier schwer, von einer historischen Situation für sich und nicht von einer Metapher für uns selbst zu sprechen. Immer geht es da um so eine klammheimliche Schadenfreude: Die Juden haben auch ihre Juden. Die Juden sind selber Faschisten und so weiter. Und dabei sehen wir, ich weiß nicht ob Sie uns da recht geben, eine fatale Tendenz, daß sich dabei auch die Begriffe umdrehen lassen, wie zum Beispiel all die Formen des ästhetischen und rhetorischen Widerstands, »Provokation«, »Tabuverstoß«, »Subversion« links verschwunden sind und dafür rechts und sehr rechts wieder auftauchen. Toleranz ist dabei nur noch ein Mantel für die imaginäre Mitte.
Es gibt einen schönen Spruch: Die Linke weiß nicht, was die Rechte tut. Das trifft sicherlich bis zu einem gewissen Grad auch für die heutige Situation wieder zu. Die Linke ist sehr schwach geworden und hat eigentlich keine richtigen Wortführer. Jemand wie der Gysi hat mit Vorurteilen zu kämpfen, weil er aus der DDR kommt. Was fehlt, ist ein linker Wortführer ohne DDR-Vergangenheit. Den gibt’s nicht. Vielleicht macht’s der Westerwelle - man kann ja nie wissen (lacht).

Wie definiert sich Georg Kreisler politisch, wenn’s denn sein muß?

Wie jeder Künstler: als Anarchist. Die alten bekannten Grundsätze: kleine überschaubare Gemeinden, die von Freunden verwaltet werden, und nicht diese globale Herrschaft. Nicht die Großindustriellen an der Macht, sondern eine Rückkehr ins Kleine, ins Gemeinschaftliche. Das ist sehr schwierig, aber das ist die Utopie, nach der man als Künstler zumindest strebt.

Auch ein linker Wortführer ohne DDR-Vergangenheit würde mit solcher Vorstellung nicht so wahnsinnig viel Zulauf haben.

Er müßte Populist sein, meinen Sie, und ein linker, aufklärerischer, anarchistischer Populist - das ist ein Widerspruch in sich. Das kann sein. Ich bin zu wenig Fachmann, um da einen Rat geben zu können. Aber ich bleibe dabei: Es fehlt eine linke Stimme, die nicht irgendwie vorbelastet ist, dadurch, daß sie in einem Regime wie der DDR gedient hat, das sicherlich ein gewaltsames Regime war. Ich glaube nicht, daß ich in der DDR hätte leben können. Ich weiß nicht, ob ich damit einem von Ihnen zu nahe trete, aber ich muß es wohl sagen: Daß man sich dort arrangiert hat, das hängt einem nicht ganz zu Unrecht nach. Ich war ja mehrfach dort, in Ostberlin, und habe das immer als entsetzlich empfunden.

Und wie hat man Sie dort empfunden?

Man hat mich nicht sehr viel reden lassen. Es hat immer wieder Gelegenheiten gegeben, wo man versucht hat, Zensur zu üben, wo ich dann gesagt habe, nein, dann komme ich lieber gar nicht. Man hat ein Buch von mir gedruckt, oder zwei, man hat auch eine Schallplatte gemacht, ich bin ein paarmal irgendwo aufgetreten, aber es hat immer Schwierigkeiten gegeben. Meine Frau, die Westberlinerin war, sollte an einem Übergang einreisen, ich an einem anderen, und am Abend wieder zurück auf diese Weise. Auch das habe ich nicht mitgemacht.
Man hat mir einen Auftritt in der Leipziger Pfeffermühle angeboten und ich habe gesagt, ich mache das auf dem Weg nach Wien. Die Behörden sagten, nein, das geht nicht, wenn Sie von Berlin nach Leipzig gehen, dann müssen Sie auch wieder nach Berlin zurück, und nicht weiter nach Wien. Ich kann mich erinnern, daß ich mein Lied »Der General« im Programm hatte, und da hat man mir gesagt, das können Sie machen, aber da muß vorher eine Ansage gemacht werden, daß Sie nur die Generale im Westen meinen. Die Generale im Arbeiter- und Bauernstaat sind natürlich anders. Trotzdem mußte man das dem Publikum wohl erst erklären. Da habe ich es dann auch lieber gar nicht gemacht.

Und wie geht’s mit der Arbeit weiter?

Ich werde jetzt achtzig. Da redet man nicht mehr sehr viel über die Zukunft, da hofft man, daß man eine hat. Ich bereite einen Leseabend mit Barbara Peters vor, der wird »Ungesungene Lieder« heißen. Wir werden damit eine Tournee machen. Ansonsten tendiere ich ein bißchen mehr zum Musikalischen. Ich weiß nicht, ob ich nicht noch mehr Musik schreiben sollte statt Texte. Es gibt ein neues Buch von mir, das heißt Mein Heldentod, das noch nicht veröffentlicht ist, ich bin dabei, einen Verleger zu suchen. Ich arbeite weiter, solange mir etwas einfällt, solange ich das Gefühl habe, daß es ein Publikum gibt, das mich anhört. Und das gibt es.

Sie haben mal gesagt, es gehe Ihnen darum, mit sich selbst unzufrieden zu sein.

Das ist eine künstlerische Methode, daß man nicht zufrieden ist mit dem, was einem eingefallen ist, und man sich nicht sagt: Sehr gut, bravo, paßt schon! Ich ändere immer, ich ändere, solange es überhaupt geht. Selbstzufriedenheit ist eine sehr unkünstlerische Sache. Die Demut, das Wissen, daß es andere sehr viel besser gemacht haben, das ist sehr wesentlich.

Wer sind die anderen? Gibt es ein paar Fixpunkte, Kreislerische Hausgötter?

Es sind heute noch die, die ich als junger Mensch hatte. Ich habe viel von Nestroy, Ringelnatz oder Erich Kästner gelernt. Auch von Friedrich Hollaender. Der war mein Schwiegervater. Ich habe seine Tochter geheiratet, ich war neunzehn, sie war siebzehn. Und es hat nicht sehr lange gehalten.

Es ist uns selber ein bißchen peinlich, aber können wir unser Gespräch über die Vergangenheit und Gegenwart der Kultur in Deutschland etwa abbrechen, ohne über die Möllemanns und Walsers dieser Tage zu reden?

Ich kann wirklich nicht soviel darüber sagen. Schauen Sie, ich habe durchaus das Gefühl, daß der Walser zumindest latent ein Antisemit ist. Ich habe aber auch durchaus das Gefühl, daß auch der Herr Schirrmacher einer ist - wie eigentlich alle in dem Spiel, bis auf den Reich-Ranicki. Aber ich habe auch durchaus das Gefühl, daß der Herr Reich-Ranicki kein sympathischer und kein integrer Mensch ist. Das hat nichts damit zu tun, was der Herr Möllemann gesagt hat, daß der Friedman den Antisemitismus fördert. Da müßte ich sagen: Nebenan wohnt ein Holländer, und seit ich den kenne, bin ich gegen die Holländer.
Ich glaube, das Ganze wird auch sehr, sehr künstlich hochgehalten: Wenn eine Zeitung von mir einen Artikel nicht drucken will, dann schreibt sie keinen öffentlichen Brief. Dieser öffentliche Brief macht den Herrn Schirrmacher in meinen Augen doch sehr verdächtig, und läßt die Vermutung zu, daß es ein bißchen ein abgekartetes Spiel ist. Mit dem Ziel, das Buch zu verkaufen. Die »Frankfurter Allgemeine« steht dem Suhrkamp Verlag nahe, und ein Suhrkamp-Buch zu fördern, kommt ihnen nicht ungelegen. Ich kann mir gut vorstellen, daß man gesagt hat: Weißt’ was, wir sagen, wir drucken das Buch nicht, und machen das öffentlich bekannt, das fördert den Verkauf. Ich unterstelle das nicht, ich sage nur: Ich kann es mir vorstellen.

Könnte da ein Potential an neuem und altem Antisemitismus freigesetzt werden, Antisemitismus als marktwirtschaftlicher Versuchsballon, Antisemitismus als Reklamegag, egal ob ein Buch oder eine Partei oder eine Person, man kann etwas mit Antisemitismus verkaufen. Immer soviel Antisemitismus, wie der Markt hergibt, und bis an die Grenze des »Erlaubten«. Ist da ein Antisemitismus der Marktgängigkeit am Werk?

Natürlich, und ich glaube auch, daß das der Möllemann voll beabsichtigt hat, das antisemitische Potential in Deutschland zu gewinnen. Der Westerwelle weiß das, natürlich weiß er es, und macht nicht allzuviel dagegen. In den Umfragen wird das antisemitische Potential zwar immer kleiner, aber Umfragen sind Umfragen.

Hätten wir dann den endgültig kapitalisierten Antisemitismus? Den Antisemitismus nach Marktlage und nach Stimmungslage der Wähler? Das wäre die negative Utopie schlechthin: marktwirtschaftlicher Antisemitismus.

Man kann es wohl so ausdrücken. Oder wir haben den antisemitischen Kapitalismus. Das können wir uns aussuchen (lacht). Wenn einer etwas verkaufen will, ist ihm alles recht. Und da sind schon ganz andere Dinge passiert, um ein Buch zu verkaufen, auch ein Mordversuch, der in die Zeitung kommt. Alles was in die Zeitung oder ins Fernsehen kommt und was verkaufsträchtig ist, wird auch gemacht.
Ich glaube nicht, daß gewisse Leute in Deutschland davor zurückschrecken, den Antisemitismus populär zu machen, wenn es ums Verkaufen und um die Macht geht.

Wo wäre der Punkt, wo Georg Kreisler, der nach eigenem Bekunden stets auf gepackten Koffern sitzt, die Koffer zumacht und zum Flugplatz trägt?

Irgendwann würde er sicher kommen. Dann würde ich nach Amerika oder nach Israel gehen. Wahrscheinlich nach Amerika, denn in Israel fühle ich mich ja schon gar nicht zu Hause, das muß ich auch noch sagen, damit habe ich sehr wenig gemein außer der Religion. Und die ist mir bekanntlich nicht wahnsinnig wichtig. Gottesglaube ist wichtiger als Religion. Religion ist ja von Menschen gemacht. Das ist die Gretchenfrage, die ich jetzt zum Schluß auch noch beantworte. Glaube gehört zu den wichtigsten Dingen. Einem Menschen den Glauben wegzunehmen, ist schlimm. Außer nimmt man ihm den Nazi-Glauben weg, dann ist es gut.
Ich glaube kaum, daß irgendein Künstler ganz ohne Glauben arbeiten kann, auch wenn er es leugnet. Glaube, ob das jetzt an Gott ist oder was auch immer, gehört eigentlich zum Handwerk. Abgesehen davon, daß er das Leben bereichert.

Dann kann man Sie nach einem poetischen, einem kritischen, einem subversiven und einem zensurierten vielleicht auch einen religiösen, nein, Quatsch, einen metaphysischen Künstler nennen?

Ohne weiteres. Solange man mich Künstler nennt, bin ich schon zufrieden (lacht). Wenn man es dann noch näher definiert, auch gut.

Gibt es denn noch Leute, die Ihnen die Kunst absprechen?

Man rechnet mich oft klein. Ach, das ist der »Taubenvergifter«, na ja. Aber so weit, daß diese Erfolge ein Fluch sind, geht es nicht. Daß manche Kritiker oder Journalisten oder Medien überhaupt da ein Schubladendenken haben, aus dem sie nicht herauskommen, muß man akzeptieren. Für die Menschen im allgemeinen gilt: Bleib in deiner Nische, dann haben sie dich lieb. Das ist ein Kampf, den jeder Künstler irgendwann auszufechten hat. In der Nische bleiben und liebgehabt werden, oder hinausgehen und angegriffen werden. Wer in der Nische bleibt, ist kein wirklicher Künstler.


Konkret ist zu erreichen unter www.konkret-verlage.de


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