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gk_einbandluftFriedrich-Hölderlin-Preis der Stadt Bad Homburg
2010 an Georg Kreisler


Meine Dankesrede …

Sehr geehrte Damen und Herren!
Ich bedanke mich sehr für den Hölderlin-Preis. Wie viel mir dieser Preis bedeutet, hoffe ich, in den nächsten Minuten schildern zu können. Als ich fünfzehn Jahre alt war, in Wien, durfte ich in einem professionellen Chor mitsingen. Ich war der jüngste, die anderen Sänger waren zwischen 20 und 30 Jahre alt. Es war der Chor eines Vereins von Christen gegen den Antisemitismus, sein Leitspruch war: „Wir bekämpfen den Antisemitismus, weil er unser Christentum schändet”. Die Gründerin und Präsidentin hieß Irene Harand, der Dirigent des Chors hieß Fritz Kurzweil, und der Sitz des Vereins war im 6. Wiener Bezirk in den Ehrbar Sälen, einem mittelgroßen Konzertsaal mit etlichen Nebenräumen.

Der Chor wirkte in allen möglichen Konzerten mit, und eines der Chorwerke, die wir sangen, war das „Schicksalslied" von Johannes Brahms, Text von Friedrich Hölderlin: „Doch uns ist gegeben, auf keiner Stätte zu ruhen. Es schwinden, es fallen die leidenden Menschen blindlings von einer Stunde zu anderen. Wie Wasser von Klippe zu Klippe geworfen, Jahrlang ins Ungewisse hinab.” Das sind die letzten Worte des Gedichts, und diese Worte machten damals einen großen Eindruck auf mich. Wie Sie sehen, kann ich sie bis heute auswendig.

Ein Jahr später, im März 1938, marschierten die Nazitruppen in Österreich ein, meine Eltern und ich mußten flüchten, und da hatten diese Worte Hölderlins plötzlich eine andere Bedeutung. „Doch uns ist gegeben, auf keiner Stätte zu ruhen, es fallen die leidenden Menschen ins Ungewisse hinab”. Ich nahm diese Worte mit in die Emigration nach Amerika, sie fielen mir dort immer wieder ein, und ich kehrte mit ihnen siebzehn Jahre später, 1955, nach Europa zurück.

In Amerika hatte ich mich ausschließlich mit englischsprachlicher Literatur beschäftigt, hatte sogar Freud und Marx nur in englischer Übersetzung gelesen, und nun versuchte ich, im Alter von 33 Jahren, die deutsche Literatur nachzuholen. Mit Hölderlin fühlte ich mich sofort verwandt. Zum Beispiel, in diesem Schicksalslied unterscheidet er sehr deutlich zwischen den Göttlichen, die Kunst produzieren und genießen, und den Menschen, die mit Kunst nichts anfangen können und es auch gar nicht versuchen. Und das war mir aus der Seele gesprochen. Natürlich geht Hölderlin dann weiter und ich auch. Er sagt an anderer Stelle, daß es Menschen gibt, die in dieser Beziehung den Göttern gleichen. Ich zitiere: „Nur zu Zeiten erträgt göttliche Fülle der Mensch". Und an anderer Stelle: „Ach, der Gott in uns ist immer einsam und arm. Wo findet er alle seine Verwandten? Wann kommt das große Wiedersehen der Geister? Denn einmal waren wir doch, wie ich glaube, alle beisammen".

In solchen Worten fühle ich mich Hölderlin verwandt, aber natürlich kommen wir zu so einer Philosophie von zwei gänzlich verschiedenen Seiten. Hölderlin war Deutscher, hatte Zugang zu den Künstlern und Literaten seiner Zeit, zu Goethe, Schiller, Hegel, Klopstock, er verkehrte bei Bettina von Arnheim, aber er paßte sich nicht an. Das wollte und konnte er nicht. Konsequenterweise hatte er Probleme mit den Kritikern. Aber Nietzsche verstand ihn, Schlegel verstand ihn, und er hatte Freundeskreise, die ihm zuhörten und ihn lobten. Ich kam mit sechzehn Jahren in eine totale Fremde, denn Amerika damals ist nicht vergleichbar mit Amerika heute. Heute kennt man es zumindest oberflächlich, damals war es der Planet Mars. Ich mußte sofort und äußerst mühsam Geld verdienen, mit zwanzig Jahren wurde ich zur Armee eingezogen, war Soldat und nach dem Krieg flüchtete ich weiter nach New York und mußte auch dort Geld verdienen.
Meine Zeit in New York, die 40er und frühen 50er Jahre, kann man heute auch nicht nachvollziehen. Es gab kein Arbeitslosengeld, natürlich keine Krankenkasse, keine Schlafräume für Obdachlose. Wer hungrig war, verhungerte eben, wer obdachlos war, erfror auf einer Parkbank im Winter, das galt als amerikanisches Schicksal, soziale Gefühle für erfolglose Menschen gab es so gut wie keine. Ich hatte auch keine Familie oder Freunde, bei denen ich unterkommen konnte, mein Vater wohnte fünftausend Kilometer entfernt, andere Verwandte waren in Südamerika, Shanghai oder Palästina und waren selber arm. Ich konnte mir gerade leisten, in einem Hotel zu wohnen, das drei Dollar im Tag kostete und dementsprechend aussah. An eine Wohnung war nicht zu denken, woher hätte ich das Geld für Möbel nehmen sollen? Alles kein Vergleich mit Hölderlin, der nie hungrig war und immer einen Schlafplatz hatte.

Aber noch größer war folgender Unterschied: Hölderlin hielt an seinen Prinzipien trotz widriger Umstände fest und schrieb wie ihm der Schnabel gewachsen war. Ich konnte das nicht. Ich fand einen Ausweg als Entertainer oder Kabarettist, schrieb und sang lustige Lieder und begleitete mich am Klavier. In meiner Freizeit in New York versuchte ich zwar, Künstler zu bleiben, schrieb ein paar anspruchsvollere Kurzgeschichten und einen Roman, aber meistens bekam ich zur Antwort: Wollen Sie wirklich desgleichen in einem armseligen Dachstübchen schreiben oder wollen Sie Geld verdienen?

An dieser Stelle ist es mir ein Bedürfnis, etwas ganz anderes einzufügen. Ich habe schon erwähnt, daß Hölderlin Probleme mit Kritikern hatte, und daran hat sich anscheinend bis heute nichts geändert. Hölderlin schreibt zum Beispiel, er habe sich in sein geist- und ordnungsloses Jahrhundert verirrt, und der Kritiker Marcel Reich-Ranitzky, der auch den Hölderlin-Preis bekommen hat, geht deswegen auf ihn los und schreibt: „Das war immerhin das Jahrhundert Goethes, Schillers, Kants und Beethovens" – als hätte es außer diesen Ausnahmen keine anderen Menschen gegeben, als hätten diese großen Menschen alles in ihrem Jahrhundert bestimmen können! Das weiß Herr Reich-Ranitzky natürlich auch, aber er will kritisieren, will um jeden Preis seine vermeintliche Überlegenheit zeigen. Hölderlin schreibt das poetische Wort: „Was bleibet aber, stiften die Dichter". Und Reich-Ranitzky kritisiert: „Warum nur die Dichter? Warum nicht auch Baumeister und Bildhauer?" Als hätte Hölderlin nur die Dichter gemeint! Als wäre dies kein künstlerischer Aphorismus, sondern eine trockene Berichterstattung! Als würde man nicht auch sagen, ein Baumeister hätte ein Haus gebaut, ohne die dazugehörigen Tischler, Elektriker oder Installateure zu erwähnen!

Ebenfalls typisch für nichtsahnende Kritiker, greift Reich-Ranitzky Hölderlin an, weil Dichtkunst und Religion bei ihm ineinander übergehen. Ja, weiß dieser bosheitschnaubende Mensch nicht, daß jeder Dichter, jeder Künstler Inspiration braucht und daß er nicht weiß, woher sie kommt? Der französische Schriftsteller André Gide sagt: „Jedes Kunstwerk ist eine Zusammenenarbeit zwischen dem Künstler und dem lieben Gott, und je weniger der Künstler dazu beiträgt, umso besser." Atheistische Künstler sprechen seit Freud lieber vom Unterbewußtsein, aber auch sie können nicht wirklich erklären, woher ihre Inspiration kommt. Zugegeben, Reich-Ranitzky ist kein Künstler und braucht keine Inspiration.
Er kritisiert auch Hölderlin, weil der ins Symbolische, ins Mythische flüchtet. Wohin, bitte, soll ein Dichter flüchten? In die Algebra? In die Chemie? Reich-Ranitzky schreibt wörtlich, Hölderlin fehle Klarheit, Nüchternheit, Einfachheit. Er will ihm Schiller als Vorbild einreden, will ihm sein Vorbild vorschreiben. Dann nützt er diese Gelegenheit, läßt gleichzeitig und aus dem gleichen Grund einen Seitenhieb auf Rainer Maria Rilke los und nennt Hölderin „einen exakt planenden, sorgfältig kalkulierenden Artisten". Ja, er beklagt sich sogar, daß man Mitleid mit Hölderlin hat, weil er krank ist, und schreibt wörtlich: „Vor lauter Mitleid kommt die Kritik nicht zum Zuge”. Er will also unbedingt seine negative Kritik über diesen Klassiker loswerden. Man kommt aus dem Kopfschütteln nicht heraus.

Ich weiß, wohlmeinende Freunde werden mich jetzt ermahnen und sagen, laß doch diesen alten Mann in Ruhe! Breite doch den Mantel der jüdischen Nächstenliebe über ihn! Aber erstens bin ich fast so alt wie er, er ist 90, ich bin 88. Und zweitens betrachte ich das Gesagte nicht als einen Angriff auf Reich-Ranitzky, sondern als eine Verteidigung von Friedrich Hölderlin. Ich betone zudem: Reich-Ranitzky hat noch nie ein Wort über mich oder meine Werke geschrieben, ich habe also nicht den geringsten persönlichen Grund, auf ihn böse zu sein. Vor ein paar Tagen hat er in einem Gespräch mit der FAZ gesagt, er lese keine jungen Autoren. Also vielleicht bin ich ihm zu jung. Aber vor allem besteht die Gefahr, daß man Leute wie Reich-Ranitzky ernst nimmt. Er ist wortgewaltig, er kennt sich in der deutschen Literaturgeschichte genau aus, er ist belesen, aber er ist halt kein Künstler, und das nimmt er übel. Unser Publikum, unsere Leser, sind auch keine Künstler, aber sie wollen auch keine sein, sie sind mit ihren Berufen zufrieden und das mit vollem Recht. Künstler ist ja ein Beruf wie jeder andere, man braucht Talent, Fleiß und muß das Handwerk beherrschen, wie in anderen Berufen auch. Gut, ein Künstler braucht auch Inspiration, aber dafür erfordert ein anderer Beruf vielleicht handwerklich Geschicklichkeit, und die braucht ein Künstler nicht. Kritiker sind Journalisten, und dagegen ist ja nichts zu sagen, außer wenn sie unbedingt Künstler sein wollen. Dann spüren sie, daß sie keine sind, und das hat Folgen. Dazu kommt, daß sie selbst keine Kritik vertragen. Ein Kritiker in Wien hat mich jetzt heftig angegriffen, weil ich gewagt habe, in einem Buch Karl Kraus zu kritisieren, der ja auch Kritiker war. Er war Reich-Ranitzky in mancher Beziehung ähnlich. So wie Reich-Ranitzky auf Hölderlin, hat Karl Kraus auf Heinrich Heine losgeschlagen. Aber Kraus hat auch versucht, Gedichte zu schreiben, und wenigstens das ist uns bei Reich-Ranitzky erspart geblieben. Bisher! Man weiß ja nie! Ein Gedicht von Karl Kraus beginnt mit dem Satz: „Man frage nicht, was all die Zeit ich machte”! Ein furchtbarer Satz! Der wäre Heinrich Heine nicht passiert. Letzten Endes hat Heine bis heute überlebt und Karl Kraus außerhalb Wiens kaum, und so ähnlich wird es auch mit Hölderlin und Reich-Ranitzky sein.

Nebenbei bemerkt: Es gab und gibt keinen schöpferischen Künstler - Interpreten nehme ich aus - der mit seiner Arbeit zufrieden ist. Auch Hölderlin hat immer wieder neue Fassungen geschrieben, hat sich immer wieder selbst kritisiert. Jeder nimmt auch gerne die negative Kritik anderer Menschen an, aber es muß halt eine sachliche, eine begründete Kritik sein, die dem Künstler und dem Kunstwerk dient, und das ist bei Zeitungskritikern nur sehr selten der Fall.
Übrigens ist Hölderlin der Überzeugung, daß eines Tages alle Menschen Künstler sein werden, wobei er nicht nur diejenigen meint, die Kunst produzieren, sondern eben die Götter, die Kunst genießen, für die Kunst ein Bestandteil ihres Lebens ist. Möglich und zu wünschen wäre ja so eine Welt, aber heutzutage daran zu glauben, fällt schwer. Trotzdem - einige solche utopischen Nester gibt es, vielleicht auch heute Vormittag hier. Denn in seinem Gedicht „Götter wandelten einst" hebt Hölderlin die Liebenden hervor. Er schreibt: „Es schufen sich einst die einsamen Liebenden, nur von Göttern gekannt, ihre geheimere Welt." Auch der berühmte poetische Satz „Wo aber die Gefahr ist, wächst das Rettende auch" ist von Hölderlin. Man darf also auch Optimist sein.

Wenn ich vorhin gesagt habe, ich fühle mich Hölderlin verwandt, muß ich das noch ein wenig einschränken. Hölderlin glaubte an die Götter der Antike, ich tue das nicht. Ich glaube auch nicht, wie Hölderlin, an einen christlichen oder jüdischen Gott. Für mich ist Gott nur ein bequemes Wort für ein oder mehrere Wesen, die mich begleiten und mir auch gelegentlich zuflüstern, was ich schreiben oder komponieren soll. Ich bin der festen Überzeugung, daß nicht ich geschrieben habe, was ich geschrieben habe, sondern ein anderer, ein Undurchschaubarer. Ich gebe dazu ein Beispiel: Wenn wir versuchen, einem klugen Hund den Unterschied zwischen England und Deutschland zu erklären, werden wir scheitern. Es geht über seinen Horizont. Und ebenso geht der Ursprung der Kunst über unseren Horizont, und nur sehr überhebliche Menschen glauben, alles erklären und definieren zu können. Aber nein, wir sind Ameisen, die nicht über ihren Garten hinauskönnen.

Wie Hölderlin, leben wir auch heute in einer bedauernswerten Zeit. Aber fast jede Zeit ist für einsame oder empfindsame Menschen bedauernswert, das gehört sich so. Der Mensch ändert sich zwar in seinen Gewohnheiten, Computer statt persönliche Kontakte, aber in seinem Wesen ändert er sich so wenig wie ein Dackel. Er ist, im Sinne Hölderlins, kein Künstler und schon gar kein Gott, sondern ein Inselbewohner, auch wenn er in einer Herde lebt. Er bleibt einsam, denn er kann sich selbst nicht wirklich erklären. Allerdings gibt es steinige, unwirtliche Inseln, und es gibt liebliche Inseln. Der Hölderlin-Preis ist eine liebliche Insel. Vielen Dank!

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