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konkretluftRichard–Schönfeld-Preis für literarische Satire
Laudatio – Literaturhaus Hamburg, 13. April 2004
Dank an Hans-Jürgen Fink für den Text...


Lieber Georg Kreisler,
sehr verehrte Preisstifterin Frau Dr. Liebeskind,
sehr geehrte Frau Senatorin von Welck,
sehr geehrte Frau Dr. Keller,
meine sehr geehrten Damen & Herren,

vor etwa 25 Jahren spielte ein begnadeter Kabarettist eine Mitternachtsvorstellung im Deutschen Schauspielhaus. Schwärzeste Texte, spitzeste Angriffslust, geniale Musik. Ein junger Reporter war damals so fasziniert, dass er ihn in der Pause hinter der Bühne besuchte und fragte: „Wie halten Sie das bloß aus – diese herrlichen bösen Lieder für so ein saturiertes Publikum?“ Seine knappe, aber freundliche Gegenfrage: „Junger Mann, wie halten Sie es aus, darüber auch noch einen netten kurzen Artikel zu machen?“ Der Kabarettist war Georg Kreisler. Den Namen des jungen Reporters möchte ich an dieser Stelle einfach gern verschweigen.

Der große Künstler bekommt heute abend einen Preis - den Richard–Schönfeld-Preis für literarische Satire. Und wir fragen: Was ist das, ein Satiriker? Einer, der Kritik übt, weil er unzufrieden ist, weil er Dinge anders haben möchte, als sie sind. Er übt seine Kritik nicht dezent hinter vorgehaltener Hand, auch nicht in netten Parlaments- oder dumpfen Stammtischreden oder gar mittels revolutionärer Gewalt. Auch wenn er sich ausbittet - wie Georg Kreisler das tut - man möge doch zur Kenntnis nehmen, dass in der Schublade, in die er gesteckt wird, nichts Geringeres aufbewahrt wird als die Französische Revolution. Er übt Kritik in spitz gefeilten Versen und anderen Texten: formvollendet beißend. Da fallen uns rasch die einschlägigen Kreisler-Lieder ein:

- der „General“, in dem die Veralberung militärischen Unsinns so unmittelbar „wehrkraftzersetzend“ wirkt, wie es keine ernsthaft vorgebrachte pazifistische Argumentation je könnte.
- „Frau Schmidt“, die ewige dumme und missgünstige, gefährliche Mitläuferin.
- das mädchenmordende „Bidla buh“, das jede haltlos romantische Vorstellung von ewiger Liebe gleich mitmeuchelt.
- „Der Hund“, dessen Besitzer keine anderen Sorgen quälen als die: „Wenn jetzt ein Krieg kommt, sagen’ S, was geschiecht dann mit mein Hund?“
- Natürlich auch der „Musikkritiker“, der beruflich Pharmazeut ist und nichts so hasst wie die Musik.
- Dann „Als der Zirkus in Flammen stand“: welch hellsichtige Ahnung dessen, was die Menschheit vor sich hatte, als das Privatfernsehen noch nicht erfunden war.
- Oder das „Taubenvergiften im Park“, das in den 50er-Jahren so bekannt wie öffentlich-rechtlich verfemt war, weil es die traute Gemütslage einer Frühlingsidylle als potenziell mörderisch entlarvt.

Sieben satirische Lieder. Satire pur. Ätzender Spott, bissige Kritik, groteske Übertreibung. Sieben Lieder, von denen Sie sicher einige kennen. Nur sieben von den geschätzt etwa 1000 Texten, die Georg Kreisler im Lauf seines Lebens geschrieben hat. Lieder, von denen eine ganze Reihe ohne Zweifel zum besseren Teil eines Kanons deutschsprachiger Dichtung gehören müsste, gäbe es nicht immer wieder Zeitgenossen, die glauben, diese Texte anderen Menschen nicht zumuten zu können. Aber Kritik hat ja immer der am nötigsten, der sie am wenigstens verträgt.

Georg Kreisler hat den Preis für literarische Satire aber sicher noch in einer ganz anderen Hinsicht verdient: Etymologisch gesehen hat das Wort „Satire“ nämlich eine erstaunliche Herkunft, wie ein Blick ins Konversationslexikon zeigt: Es ist abgeleitet vom lateinischen „satura lanx“, und das bedeutet schlicht „Schale gemischten Inhalts“. Gemeint ist damit nicht die bunte Obstschale, die man im Hotel hingestellt bekommt, sondern eine Schale, in der die Römer den Göttern verschiedene Opfer darbrachten.

Was sind das für gemischte Opfer, die Kreisler in mehr als fünf Bühnen-Jahrzehnten seinem Publikum vorgesetzt hat? Seinem Kabarett-, seinem Theater- und seinem Lesepublikum – denn er ist ja weit mehr als „nur“ Kabarettist. Er hat Musicals geschrieben, Operetten, Opern, er hat Schauspiele verfasst, Kurz-geschichten und Romane. Zu seinen virtuos beherrschten Klangfarben gehören das Lakonische und das Sarkastische, das Groteske, das Absurde, das Surreale, er kann frivol sein, mitunter sogar fröhlich. Unter allem aber liegt, damit es auch „echter Kreisler“ ist, sein ureigenster Grundton – eine unendliche, in allen Feinheiten und Färbungen erspürte Melancholie. Denken Sie nur an Verse wie diese:

„Ich singe Lieder in die blau-wattierte Ferne,
ich hänge Klagen an die pausenlose Zeit.
So hebt ein jeder seine winzige Laterne, und ich lerne:
Nur das Lied bleibt – und die Hoffnungslosigkeit.“

Was aber speist das Kreislersche Wortkraftwerk? Was treibt ihn, den traurigen Spötter, den melancholischen Satiriker?

1922 in Wien geboren, in eine gutbürgerliche jüdische Anwaltsfamilie, lebte er eine allzu geordnete, reglementierte und deshalb eher freudlose Jugend, gegen die der Knabe seinen Ausweg sucht: Er beginnt, heimlich Geschichten zu erfinden. Er lernt Musik - Klavier und Geige – und lebt ein fast normales Schüler-leben, in das im März 1938 jäh massivste Bedrohung einbricht: Die Nationalsozialisten schließen Österreich ans Deutsche Reich an, wie sie den Vorgang so verharmlosend nennen.

Das prägt ihn fürs Leben: Willkür, soziale Entrechtung und den Terror gegen die Wiener Juden erlebt er aus nächster Nähe mit, er wird mit großer rassistischer Geste vom Gymna-sium verwiesen – Demütigungen und Verletzungen fast identisch mit denen, die in Hamburg Ralph Giordano, der heute Abend auch hier ist, am Johanneum durchleiden musste.

Aus Erlebtem und Erzähltem verdichtet sich die Ahnung, dass die Gefahr eines gewaltsamen Todes fast unabwendbar herankriecht.

Fast, denn die Kreislers haben Glück: Georg Kreislers Cousin Walter Reisch, als Filmkomponist zwei Jahre zuvor aus Berlin nach Hollywood geflohen, bürgt für sie. Georg Kreisler füllt die „Immigration“-Papiere für seine Eltern einfach mit aus, die – alle Zeichen des Bösen verdrängend - eigentlich in Wien bleiben wollen. Und im Herbst 1938 verlassen sie, quasi in letzter Minute, Europa in Richtung Los Angeles - mittellos, aber sie überleben. Den deutschen Pass mit dem eingestempelten „J“ für „Jude“ hat Georg Kreisler bis heute auf-bewahrt.

„Ich finde mein Judentum eine Bereicherung“, sagt er. „Man lernt, mit einer ungewissen Zukunft umzugehen. Man erfährt am eigenen Schicksal, dass der Mensch schwach ist, und dadurch wird man energisch, sogar trotzig, was Mitmenschen angeht, und demütig in Bezug auf fast alles andere.“

Thomas Rothschild hat in einem Aufsatz über Georg Kreisler auf die Spezifika des jüdischen Witzes hingewiesen, in dessen Tradition er auch viele Kreisler-Texte sieht. „Letzte Waffe der Wehrlosen“ – so hat der Begründer der Psychoanalyse, Sigmund Freud, den jüdischen Witz charakterisiert. Und Carlo Schmid nannte ihn die „heiter hingenommene Trauer über die Gegensätze dieser Welt. Er zeigt immer wieder auf, dass - in einer Welt voller Logik - Gleichungen, die ohne Rest aufgehen, nicht stimmen können“.

Vielleicht liegt hier eine entscheidende Quelle für den Satiriker Kreisler: Zurückschlagen konnte er nicht, spotten um so gnadenloser.

Man braucht nicht viel Fantasie, um sich vorzustellen, dass in dieser sechs Monate lang sehr real durchlebten Todesgefahr ein sehr grundsätzliches und unerschütterliches Misstrauen gegenüber staatlicher Macht, ja gegen Macht überhaupt begründet liegt. Das zieht sich als roter Faden durch Kreislers Werk. Vor allem sind ihm suspekt: jede Art von Zwang, jedes Großtun, dazu Politiker, Parteien, Institutionen, Religionen, Traditionen, Trägheiten, Anpassereien und hohle Rituale.

Das unüberlistbare und hochsensible Frühwarnsystem seines Misstrauens und der scharfe Spott – beides gehört unbedingt zu dieser Melange, die ihn immer wieder dazu gebracht hat, mit dem Finger auf die nackten Kaiser dieser Welt zu zeigen und laut wie ein Kind zu rufen: „Die haben ja gar nichts an!“

Er ist Anarchist im allerbesten Sinn: „Ich glaube“, schreibt er, „jeder Künstler ist Anarchist, sonst ist er kein Künstler. Das hat nichts mit Bombenwerfen zu tun, sondern mit dem Glauben an Gewaltlosigkeit, Abschaffung von Herrschaft und Macht, mit Eigentumsmöglichkeiten für alle und mit der Förderung individueller Eigenarten – also dem Gegenteil der heutigen Bemühungen um ein Großeuropa, was eine gewisse Gleichschaltung zur Folge haben muss. Als Künstler darf man eine Utopie nicht über Bord werfen. Als Politiker muss man das sogar, deshalb können Politiker keine guten Menschen sein.“

Verfolgung und Emigration in die Fremde bleiben Kernerfahrungen. Kreisler lebt die nächsten 17 Jahre in der Fremde, in einem fremdem Land, mit fremden Sitten und einer fremden Sprache – länger, als er bis zu seiner Flucht im deutschen Sprachraum gelebt hatte. Das Gefühl, fremd zu sein, wird ihn von da an sein Leben lang begleiten, der fragende, verwunderte Blick des Fremden auf alles um ihn herum lässt falsche Vertrautheiten nicht mehr zu. Er, der die Dinge gern auf die Spitze treibt, schrieb sogar einmal, er trage in die Meldeformulare der Hotels als Beruf ein: „Fremder“.

Kreisler genießt die neue amerikanische Freiheit, er wird Musiker, Filmmusiker, arrangiert, dirigiert, erlebt das alles auch als Befreiung seiner Persönlichkeit. Er spürt aber auch, wie öde und sinnfrei die große Freiheit im kalifornischen „Sonnengefängnis“ sein kann – er fühlt sich, mit den Worten eines anderen Emigranten ausgedrückt, „happy, aber nicht glücklich“.

Da muss er zur US-Army – nur so wird er auch auf dem Papier zum amerikanischen Staatsbürger, der er bis heute ist. Er erlebt bei Vernehmungen als Armeedolmetscher in Deutschland die Feigheit der Ober-Nazis Göring, Streicher, Kaltenbrunner. Und er erlebt die verständnisfreie Kulturlosigkeit mancher Top-Amerikaner, als er General Eisenhower in Oberursel selbstverfasste Soldatenlieder vorspielt, dabei aber feststellen muss, dass der bestenfalls einen inkompatiblen Humor hat.

Zurück in den USA schlägt er sich mit Witzen und Songs in englischer Sprache als Entertainer durch, mehr oder weniger erfolglos, denn die Amerikaner begegnen dem Brillenträger mit dem fremden Akzent meist ebenso wie ihr späterer Präsident das tat: humorlos. Erst in einer New Yorker Bar findet er ein Engagement, das seine ersten bitterschwarzen Kompositionen duldet. Die erste Plattenaufnahme 1947 bleibt trotzdem unveröffentlicht – Lieder mit Titeln wie „Please, shoot your husband“ gelten schlicht als „unmoralisch“.

1955 geht er zurück, als Fremder nach Wien, kehrt heim in die angeborene Sprache - und steht auch ihr zunächst als Fremder gegenüber. Vermutlich ist genau das eine wichtige Voraussetzung für seine große Fähigkeit, mit der Sprache zu spielen. Er entdeckt die alten Wörter seiner Muttersprache neu, und er gibt seinem Publikum oft das gleiche Gefühl. Vertrautes scheint in neuem Licht, bekommt andere Nuancen, wird anspielungsreicher, abgründiger, vieldeutiger. Kreisler spielt mit der Sprache – denken Sie an den Neger, der in Wien auf der Flöte mit Palestrina den Frühling herbeispielt, an das Mädchen mit den drei blauen Augen, an die genialen Sprachvolten im „Ausgesprochen schönen Heinrich“ oder an seine Überraschungsreime – wie bei den beiden „Alten Tanten“, die im Hinterhaus mitten in der Nacht Tango tanzen:

„Selbst in Amerika / da wär i ka / Sekunde ohne Zorn / I hätt a tolle Wut / auf Hollywood / mein Englisch / ist bemänglisch / und i wär schon längst a / Gangster / wordn.“

Das gleiche Prinzip - hintergründige Verfremdung des Vertrauten - verwendet er auch in der Musik, wo er musikalischen Humor gegen den Todernst setzt, mit dem in Deutschland musiziert wird. Er lässt als brillanter Arrangeur und Pianist Musik und Text gegeneinander antreten. Gewinner sind bei ihm natürlich beide.

Georg Kreisler macht Kabarett in Wien, umschifft unter vielerlei Leiden die Klippen erfolgsträchtiger Anpassung, geht weiter in die Fremde: Erst München, dann Berlin, heute Basel. Es klingt fast ein wenig kokett, wenn er das Kabarett und seine Erfolge dort heute in die Ecke eines ungeliebten Brotjobs stellen möchte und dagegen das Theater und seine Romane setzt. Aber die Leichtigkeit des Erfolgs mit Liedern, die man fürs Publikum macht und nicht unbedingt für sich selbst, ist ihm immer wieder suspekt.

Eine Konstante allerdings gibt es bei seinem Zug durch die Fremde: Seinen realistischen, niemals verklärenden Blick auf die Welt. Ohne zu suchen, findet er die Risse – nicht nur in Fassaden, auch in den Fundamenten. Er durchforscht die unbekannten, die dunklen Regionen unserer Seele. Er muss sich nichts ideologisch zuschneiden oder schönreden, er schaut schonungslos hin: auf die alltägliche Beschränktheit, das kleine Karo, auf Vorurteile und Irrtümer, Kriecherei und Profitgier, den deprimierend rechtwinkligen Ordnungswahn, auf Neid und Missgunst, Ausgrenzung, Kleinmut und Verzagtheit und die Lieblosigkeit bis hin zur Unfähigkeit zu Lieben. Kurz: auf den täglichen kleinen Tod unserer Freiheiten und unserer Träume.

Damit sichert er sich allerdings auch einen Vorteil, den jeder Pessimisten hat und der nicht unterschätzt werden darf: Er kann nur noch angenehm enttäuscht werden.

Nur eines ist Georg Kreisler nie: ein kalter gefühl- und mitleidloser Zyniker, der sich wissend am unabänderlichen Elend und am Schaden anderer freut. Kreisler leidet mit, er träumt von besseren Zeiten und hat Hoffnung – bis heute: „Ich glaube“, sagt er, „man macht es sich zu einfach, wenn man gegen das Prinzip Hoffnung polemisiert. Es widerstrebt mir zu glauben, dass Menschen nur zufällig auf der Welt sind. In diesem Sinne müsste jedes Kind versuchen, seinen Kindern eine bessere Welt zu hinterlassen.“

Sein Kernanliegen ist es, die Menschlichkeit zu bewahren. „Einem Kabarettisten sollte nichts Menschliches fremd sein, nur Unmensch-liches“, schreibt er. Humanität ist ihm, der nur knapp dem unfassbar inhumanen Verbrechen des Holocaust entging, der unveränderliche Maßstab – mit ihm misst er sich und die Welt um sich herum. „Nicht nur meine Satiren“, schreibt er, „sondern fast alles, was ich schreibe, hat mit Humanität zu tun, im Gegensatz zur fortschreitenden Abschaffung der Huma-nität durch die Politik und die Gesetze des Marktes. Zur Humanität gehören die Toleranz, die Rücksichtnahme und vor allem die Liebe, mit der Menschen miteinander umgehen.“

Das also ist die Triebfeder des bitterbösen Spötters, wenn er mit seiner Musik, ob in Tönen, Wörtern oder Reimen, Macht und Unterdrückung, selbstverschuldete Unmündigkeit und alle Arten von Anpasser-Mentalität aufs Korn nimmt – genau die Dinge also, die geeignet sind, das Menschliche in den Menschen zu verschütten, es unbrauchbar zu machen oder schlimmer noch: die Menschen brauchbar zu machen für schlimmere Zwecke.

Und da hat er Großes geleistet: Wer einmal von seinen Liedern infiziert worden ist - so wie das immer neue Generationen erleben, der ist für das Unmenschliche in dieser Welt verloren.
Dass Sie diese gar nicht so „winzige Laterne“ der Menschlichkeit so ausdauernd und unerschütterlich in die Welt blinken lassen – dafür, lieber Georg Kreisler, danken wir Ihnen heute Abend ganz besonders.


Hans-Jürgen Fink ist Kulturleiter des Hamburger Abendblatt


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