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konkretluftGeorg Kreisler: Heute leider Konzert.
Satiren.
Gebundene Ausgabe - 212 Seiten - Konkret Literatur Verlag
Erscheinungsdatum: September 2001
ISBN: 3894582030


Georg Kreislers Satiren auf den Kunstbetrieb sind im Grunde ein Plädoyer für die Kunst selbst. Es sind idealistische Satiren. Sie sind böse, entlarvend und komisch, aber ihr Fazit ist ein optimistischer Appell: Der Mensch muss und wird zur Kunst zurückfinden. Im letzten Satz des Buches wird der Talmud zitiert: Mit drei Dingen soll man sparsam umgehen, mit Hefe, mit Salz und mit Unentschlossenheit.

"Was darf die Satire?", fragte Kurt Tucholsky und beantwortete die Frage sogleich selbst mit: "Alles!" Offensichtlich nimmt Georg Kreisler sich das zu Herzen. Er verschweigt jedenfalls nichts, wenn er seine giftigen Pfeile auf den Kunstbetrieb abschießt. Denn es ist der Betrieb, der in Kreislers Augen die Kunst verhindert. So ist Musik für ihn eher ein Nebenprodukt des Konzertbetriebs denn sein Zweck, gelesen wird nur, was die Werbung anpreist und das Publikum glaubt dem Kunstkritiker mehr als dem Künstler.

„Es ist nicht meine Aufgabe, Komponisten oder Interpreten zu fördern", lässt Kreisler den Generalsekretär des Konzertvereins sagen, "ich muss nur eine Konzertsaison zustandebringen, die möglichst viel Publikum bringt und möglichst wenige Abonnenten ärgert." Und der Kulturpolitiker meint: "Das Publikum kommt nicht in ein Konzert, um Musik zu hören, sondern um ein Konzert zu besuchen."

Auch für den Betrieb rund um die bildende Kunst hat Kreisler nur Spott. Er erfindet einen Maler, der ein Meister der großen Worte und der schlechten Bilder ist. Und für den Literaturbetrieb schreibt Kreisler einen unvollständigen Roman, für Leute, die Romane nicht zu Ende lesen.

Georg Kreisler ist ein verstörter Mensch, der seine Verstörungen in humoristische Bahnen lenkt. Realismus wird erst erkennbar, wenn man ihn übertreibt, ist sein Motto. Doch wie kann man heute überhaupt noch etwas übertreiben? Wir lachen über Kreislers Zuspitzungen und plötzlich bemerken wir, dass die Wirklichkeit die Satire längst eingeholt hat.


Leseprobe:
Arthur Huber, einarmiger Rechtsanwalt aus Uelzen, betritt mit seiner Frau Helga den Saal, in der einen Hand die Eintrittskarten, in der gleichen Hand das Programmheft, am gleichen Arm seine Frau, mit dem gleichen Gesicht lächelnd.
"Auf den Bruckner freue ich mich", sagt Frau Helga.
"Bruckner ist tot", antworte ich, "er kann heute Abend nicht kommen."
"Wir wissen, dass er tot ist", mischt sich Herr Huber ein, "aber er wird trotzdem mit uns sein - durch seine Musik. Außerdem ist es mir völlig egal, ob er lebt oder tot ist."
"Ihm nicht!", widerspreche ich.
"Dafür ist es ihm egal, ob ich lebe oder tot bin", sagt Herr Huber, "so ist es heutzutage überall. Der eine schreibt Musik, der andere Prozessakten. Mehr will ich dazu nicht sagen, denn das Konzert wird gleich beginnen. Ich verstehe nichts von Musik, aber sie gibt mir ein angenehmes Gefühl. Außerdem gefällt mir die Atmosphäre des Konzertsaals, denn ich sage mir, wenn es hier so feierlich ist, dann bin auch ich feierlich. Ich bin ein feierlicher Rechtsanwalt, der mit seiner feierlichen Frau im Konzert sitzt."
"Ich liebe Bruckner", erklärt Frau Helga, "ich liebe Bruckner, als ob er wirklich gelebt hätte."
"Wie bitte?", frage ich.
"Ach so", sagt sie, "Sie sind mir ja ein Feiner! Sind Sie etwa der Meinung, dass es Coca Cola gibt oder Persil? Es gibt nämlich kein Persil, es gibt nur Seife, und genau so verhält es sich mit Bruckner. Natürlich gibt es Musik, aber das hat doch nichts mit der lächerlichen Werbekampagne zu tun, in der behauptet wird, es habe einmal einen Menschen namens Anton Bruckner gegeben."
"Aber die Musik ist doch von ihm!"
"Mit seiner Musik ist es so wie mit der Stimme von Donald Duck", meint Frau Helga, "die gibt es auch, aber Donald Duck gibt es keinen."
"Selbstverständlich gibt es keine Ente, die sprechen kann", gebe ich zu.
"Eine sprechende Ente wäre weit glaubhafter als die Figur, von der man uns einreden will, sie sei ein frommer Trottel namens Anton Bruckner gewesen", behauptet Frau Helga. "Die Musik ist natürlich schön, aber auch die pausbäckigen Englein, die ein gewisser Herr Michelangelo gemalt haben soll, sind nicht übel."
"Den hat's auch nicht gegeben?"
"I wo", sagt Frau Helga, "denken Sie doch einmal logisch: Als Sie ein Kind waren, erzählte man Ihnen, es gäbe einen Weihnachtsmann, und Sie haben es geglaubt. Dann erzählte man Ihnen, es gäbe keinen Weihnachtsmann, und das haben Sie wieder geglaubt. Aber niemand sagte Ihnen, dass es keinen Bruckner oder Beethoven gäbe, und jetzt lassen Sie es sich nicht mehr ausreden. Jetzt glauben Sie an Bruckner und Beethoven und wie die Witzfiguren alle heißen."
"Aber es gibt doch einen Unterschied zwischen dem Weihnachtsmann und historisch nachweisbaren Persönlichkeiten?"
"Historisch nachweisbar?", höhnt Frau Helga. "Historisch nachweisbar ist das Geld, das mit Kindermärchen und Konzerten verdient wird. Historisch nachweisbar sind die Spießer, die an Kindermärchen und Konzerte und Vaterland glauben. Aber Beethoven selbst, der arme, taube, große Deutsche, ist doch nicht historisch nachweisbar."
"Nun", sage ich, "vielleicht waren Beethoven oder Bruckner anders als man sie heute darstellt. Aber es hat sie doch gegeben, und das ist das Wesentliche."
"Nein", widerspricht Frau Helga, "wesentlich sind die Schallplatten, die Konzerte, die Gagen, die Jugenderziehung, der Staat, der Krieg und die Fantasie."
"Die Fantasie?"
"Natürlich", antwortet Frau Helga, "jede Werbung muss die Fantasie ansprechen. Versuchen Sie einmal, eine Seife zu verkaufen, die Meier heißt! Auch Bruckner ist nichts anderes als ein Markenartikel. Und selbst, wenn es ihn gegeben haben sollte, wäre es für uns unerheblich."


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