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heldentodluftGeorg Kreisler: Die Artikel.

WIEN IST LANGE HER...

Wien hat mir viel gegeben, denn ich bin dort in einer Zeit aufgewachsen, in der nicht, wie heute, das Geschäftliche im Vordergrund stand, sondern in der das Geschäftliche lediglich als unangenehme Ablenkung von der Kunst betrachtet wurde. Kunst war damals - zumindest in den etwas gehobenen Bürgerkreisen - ein wesentlicher Bestandteil des Lebens.

Das ist heute schwer nachvollziehbar, aber es war wirklich so. Hausmusik war an der Tagesordnung, Schallplatten und Radio waren Randerscheinungen, beide Eltern spielten Klavier, und die Gespräche drehten sich um Schubert, Strauß oder Schönberg, um Kafka, Klimt oder Karl Kraus, um Wedekind, Hugo Wolf oder Wittgenstein. Freud, Mahler, Schnitzler und Kokoschka geisterten durch die Stadt, das Burgtheater war ein Tempel, die Staatsoper eine Kirche.

Erst später fiel mir auf, dass alle diese Künstler Schwierigkeiten in Wien gehabt hatten. Der große Wolfgang Amadeus Mozart war ja eigentlich kein Wiener, hatte nur die letzten zehn Jahre seines Lebens in Wien verbracht und wurde überdies dort immer für einen zweitrangigen Komponisten gehalten. Haydn war erst mit 58 Jahren nach Wien gekommen und war auch danach immer wieder nach London gefahren. Beethoven war in Wien vor allem als Pianist erfolgreich, die meisten seiner Symphonien waren durchgefallen, wie auch seine Oper „Fidelio“. Von Schubert weiß man bis heute nicht genau, wie viele Symphonien er geschrieben hat. Anton Bruckner verdiente als Organist vor allem in England, Frankreich und in der Schweiz sein Geld, in Wien spielte er Orgel zehn Jahre lang in der Hofburgkapelle, ohne bezahlt zu werden. Die Operette „Die Fledermaus“ von Johann Strauß fiel in Wien durch, erst in Berlin war sie ein Erfolg. Das meiste Geld verdiente Strauß in Amerika, und wenn er Hitler erlebt hätte, wäre er Nichtarier gewesen, noch dazu mit einer Volljüdin verheiratet. Gustav Mahler ist in Wien fast zugrunde gegangen, ging dann ins Ausland, nach Olmütz, Kassel, Prag, Leipzig, Budapest, Hamburg, London. Um Wiener Operndirektor zu werden, musste er sich taufen lassen, wurde maßlos angefeindet und ging schließlich nach New York. Er ließ keine einzige seiner Symphonien in Wien uraufführen und hat in Wien auch keine einzige dirigiert. Der Dramatiker Johann Nestroy wurde immer wieder stark zensuriert, und als er nicht gehorchen wollte, kam er ins Gefängnis. Und als Arnold Schönberg im Jahr 1924 Wien zum dritten Mal verließ, schrieb er an einen Freund: „Es ist mein dringendes Bedürfnis, aus Wien so unbeachtet zu scheiden, wie ich es in der Zeit gewesen bin, die ich hier zugebracht habe.“ Er kam nie wieder zurück, aber das Schönberg-Archiv wird heute von der Stadt Wien sehr gefördert.

Wahrscheinlich geht die staatliche Kontrolle, der die Künstler in Wien unterworfen werden auf das alte Habsburgerreich zurück. Das Völkergemisch, das Österreich vor dem Ersten Weltkrieg war - Deutsche, Tschechen, Ungarn, Slowaken, Italiener, Ruthenen, Polen, Kroaten, Rumänen, Serben - das musste ja österreichische Kulturbeamte misstrauisch machen. Kaiser Franz Joseph war ja selbst ein zutiefst konservativer Mensch. Er mochte kein elektrisches Licht, keine Telephone, Automobile, Schreibmaschinen, daher auch keine Künstler, die neue Wege beschreiten wollten. Und was ihn und seine Kontrollinstanzen natürlich besonders irritierte, war, dass viele dieser Neuerer Juden waren.

Die Wiener haben den bekennenden Antisemiten Karl Lueger immer wieder zum Bürgermeister gewählt, um zu beweisen, dass auch sie Antisemiten waren. Nach dem Zweiten Weltkrieg haben sie dann den Juden Bruno Kreisky immer wieder zum Bundeskanzler gewählt, um zu beweisen, dass sie keine Antisemiten waren. Und der Jude Bruno Kreisky hat sich ein paar Altnazis in sein Kabinett geholt, um zu beweisen, dass er nicht nur Jude, sondern vor allem Wiener war. Noch später haben die Wiener den Altnazi Kurt Waldheim zum Bundespräsidenten gewählt, um zu beweisen, dass sie letzten Endes doch Antisemiten waren.

Der öffentliche, wenn auch geheim gehaltene Druck gegen die Juden war immer groß. Sogar Theodor Herzl wollte sich eine Zeitlang taufen lassen. Er bot sogar an, sämtliche Wiener Juden unter seiner Leitung in den Stephansdom zur Taufe zu führen. Erst als seine Eltern ihn tränenreich anflehten, solche Sprüche zu lassen, blieb er beim Judentum.

Und eines Tages konnte man in den Wiener Zeitungen lesen: „Die Bücher von Stefan Zweig, Arthur Schnitzler, Franz Werfel und wie alle die jüdischen Schreiber hiessen, sollten aus jedem Haus verschwinden .... die amerikanischen Juden Gershwin und Irving Berlin, mit deren öden Reissern das deutsche Publikum jahrelang überschwemmt wurde .... Sänger wie Richard Tauber, Josef Schmidt und Gitta Alpar sangen uns mit jüdischem Schmelz die Weisen der Komponisten Mischa Spoliansky, Werner Richard Heymann und ähnlicher Größen vor ... es ist wohl der Gipfel der Verantwortungslosigkeit, wenn das Deutsche Nationaltheater das ‚Weiße Rössl‘, die Kitschoperette von Benatzky, auf die Bühne zerrt ... die neun Symphonien Mahlers sind als Werke eines Juden aus den Spielfolgen deutscher Konzerte gestrichen ....“ etc. etc.

Ich kehrte im Jahr 1955 aus der amerikanischen Emigration nach Wien zurück. Ich wurde herzlich empfangen und ins Qualtinger-Cabaret aufgenommen. Als ich nach drei Jahren genug davon hatte und auf eigene Faust als Schriftsteller oder Komponist im Theater oder Fernsehen arbeiten wollte, lehnte man das heftig ab und legte mir nahe, in meiner Schublade zu bleiben. Daraufhin übersiedelte ich nach München und kehrte weitere drei Jahre später nach Wien zurück. Ich blieb vierzehn Jahre in Wien, aber die Würfel waren gefallen.

Von meinen 25 Chanson-Abenden, die ich zwischen 1960 und 2001 in Deutschland und in der Schweiz in insgesamt etwa 2.000 Vorstellungen gebracht hatte, durfte ich in Wien ganze drei Chanson-Abende in insgesamt sechzehn Vorstellungen bringen. Für die Salzburger Festspiele bearbeitete und dirigierte ich Nestroys „Lumpazivagabundus“. Es war ein großer Erfolg, und ich wurde nie wieder zu den Salzburger Festspielen geholt. Für das Theater an der Wien inszenierte ich 1967 mein Musical „Polterabend“. Es war ein großer Erfolg, und ich wurde nie wieder ans Theater an der Wien geholt. Für das Wiener Burgtheater bearbeitete und dirigierte ich ebenfalls 1967 Scribes Lustspiel „Das Glas Wasser“, Es hielt sich drei Spielzeiten, und ich wurde nie wieder ans Burgtheater geholt. Das Theater in der Josefstadt führte 1971 mein Stück „Heute Abend: Lola Blau“ auf. Es brachte es zu etwa 150 Vorstellungen, und ich wurde nie wieder an das Theater in der Josefstadt geholt. Der Wiener Ueberreuter Verlag bestellte und druckte mein Buch „Die alten, bösen Lieder“. Wenige Wochen nachdem es erschienen war, stampfte er es wieder ein, und es dauerte fast zwei Jahre, bis er das zugab. Dann wollte man mir einreden, eine Überschwemmung habe sämtliche Exemplare, etwa 4.000 Stück, vernichtet. Ein paar Jahr danach wollte der Wiener Hannibal Verlag das gleiche Buch drucken, wir waren uns bereits einig, da zog er sich plötzlich ohne jede Erklärung zurück. Andere Verlage, denen ich diese „Bücherverbrennung“ mitteilte, sowie die Österreichische Gesellschaft für Literatur zuckten die Achseln und bedauerten. Eine fest besprochene Vorstellung von 30 Aufführungen im Theater Akzent schrumpfte plötzlich zu acht Vorstellungen, wobei man mir zu verstehen gab, wenn ich damit nicht einverstanden wäre könnte man den Vertrag stornieren, was dann auch geschah. Meiner Tochter, einer Chanson-Sängerin, bot man ein Engagement im Wiener Musikvereinssaal an, unter der Bedingung, dass sie keine Lieder von mir bringen sollte.

Es war wie immer. Man richtet den Künstlern in Wien durchaus attraktive Nischen ein, Man finanziert sie, subventioniert sie und fördert sie in jeder erdenklichen Weise, Es gibt bis heute in Österreich keinen einzigen Buchverlag, der ohne staatliche Subventionen auskommen muss. Es gibt kein einziges Theater, sei es noch so klein, das nicht irgendwie am Politikertropf hängt. Aber das hat natürlich seinen Preis: Man erwartet dafür, dass jeder brav in seiner Schublade bleibt und auf Ausflüge in die künstlerische Freiheit verzichtet. Vor allem muss etwaige Kritik an den bestehenden Verhältnissen ihre Grenzen haben. Ruhe ist die erste Künstlerpflicht, und kleine Ausnahmen bestätigen nur die Regel. Künstler, die da nicht mitmachen, erwartet die Rache. Aber ist das nicht der Tod der Kunst? Ja, das ist der Tod der Kunst oder zumindest der Tod einiger wertvoller Künstler. Seinerzeit, als die Auswanderung aus Wien noch schwieriger und schmerzvoller war, haben sich auch etliche Künstler deswegen umgebracht, der Dichter Georg Trakl, der Maler Richard Gerstl, der Erbauer der Wiener Staatsoper Eduard van der Nüll, um nur ein paar Namen zu nennen. Und man darf nicht den Fehler machen, die Wiener Kulturbürokratie für dumm zu halten. Man lässt dort immer wieder Modernisierungsbestrebungen zu, subventioniert sie, preist sie an. Und die öffentlichen Medien spielen bereitwilligst mit, beispielsweise beim sogenannten modernen Regietheater, Aber natürlich merkt oder spürt man in den staatlichen Kulturämtern ganz genau, dass dieses Regietheater nichts kritisiert, nichts in Frage stellt, ja dass es nur eine Profilierung des jeweiligen Regisseurs im Sinn hat. Es löst beim Publikum keinerlei Emotionen aus, höchstens bei den Schauspielern, die alle möglichen peinlichen Aufgaben zu erledigen haben. Im Grund genommen, bestätigt es die Regierenden, indem es den Hofnarren spielt. Natürlich schockiert es gelegentlich und ärgert manche Zuschauer, aber deswegen macht sich doch kein Mensch Gedanken über die Welt, in der wir leben müssen, höchstens Gedanken über einen ärgerlichen und verlorenen Theaterabend. Es ist das Gegenteil von Kunst. Und Ähnliches sieht man auch in der subventionierten Literatur, der subventionierten Musik und der subventionierten Bildenden Kunst.

Im viel geschmähten Amerika gibt es das übrigens nicht. Subventionierte Künstler sind dort die Ausnahme, nicht die Regel. Michael Moore kann Anti-Bush-Filme machen, Mel Gibson verquere Jesus-Filme drehen, und keine Kulturbürokratie versucht, sie daran zu hindern. Verlockende Schubladen, in denen ein Künstler auf seine Pensionierung warten kann, ohne sich anzustrengen, gibt es nicht. Das mutet man dem Steuerzahler nicht zu, im Gegenteil, nur der Steuerzahler entscheidet über Erfolg oder Misserfolg. Aber wie gesagt, das Wien, in das ich hineingeboren wurde, schien mir sehr stabil zu sein. Es gab zwar da und dort Krawall, aber man ahnte das Ausmaß der kommenden Zerstörungen nicht. Es brodelte nichts, wie heute. Es gab die Musik, die Kunst, die Tradition, man war Jude, aber doch vor allem Österreicher, und man war stolz auf die Zukunft, die dann nie kommen sollte. Heute zittert man vor der Zukunft.

O selig, o selig, ein Kind noch zu sein, singt der Zar in Lortzings Oper. Und ich zitiere Stefan Zweig: „Jedesmal, wenn ich Freunden aus der früheren Zeit erzähle, merke ich, wieviel für sie schon unvorstellbar geworden ist ... Zwischen unserem Heute, unserem Gestern und Vorgestern sind alle Brücken abgebrochen ...“ Ja, es hat sich viel verändert, die Welt ist auch in Wien kleiner geworden. Ein Künstler kann gleichzeitig in Wien und in New York arbeiten, oder er arbeitet im gesamten deutschen Sprachraum und wohnt in Irland oder sonstwo. Der Einfluss der österreichischen Kulturbürokratie ist geschrumpft. Es gibt zwar noch immer Künstler in Wien, die es sich bequem machen und auf ihre Pensionierung warten, und es gibt noch immer ein paar Leidende, die ohne Wien nicht leben wollen und in Wien unglücklich sind. Aber im Großen und Ganzen steht das Kaiserreich auf verlorenem Posten.

Wien hat mich sehr geprägt. Die Liebe zur Kunst, die Verachtung für ihre Verhunzung, den Dilettantismus, die Verehrung der großen Vorbilder, der feste Glaube an das Handwerkliche, die Bevorzugung der Gefühlswelt vor der sogenannten realen Welt - all das ist noch immer mein wesentliches Credo und ist zumindest teilweise der Stadt Wien zuzuschreiben. Aber meine Dankbarkeit hält sich in Grenzen.



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