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konkretluftGeorg Kreisler – Ein Nachruf
Von Frank Golischewski

Begriffe wie „Legende“ oder „Klassiker“ werden heute oft inflationär gebraucht, Georg Kreisler aber war beides bereits zu frühen Lebzeiten. Den „Taubenvergifter“, den Schöpfer der „Nichtarischen Arien“, den Erfinder dadaistischer Texte wie „Der Bluntschli“ oder surrealer Songs mit Alterationen wie „Zwei alten Tanten tanzen Tango“, dieses Genie also kennen zu lernen als Künstler war die eine Seite.

Als Künstler-Kollege zu seinen Freunden zu gehören, seine Lieder zu interpretieren und sich auszutauschen erfüllte mit Stolz. Als Chanson-Schreiber sahen und sehen wir ehrfürchtig zu ihm auf, in seinem Schatten Fetzen eigener Sprache und Musik suchend. Uns beide verband auch die gemeinsame Freundschaft zu Helen Vita, die einzigartige, durch sie hatten sich Ende der 70er wiederum Georg Kreisler und Barbara Peters kennen gelernt, die in langer Künstlerfreundschaft und Ehe bis zuletzt zusammen lebten.

Barbara Peters ersetzte ihm auf der Bühne Topsy Küppers, Ehefrau und Begleiterin jener Wiener Jahre, in denen Bühnenstücke wie „Heute Abend: Lola Blau“ entstanden waren. Die Titel in diesem „Ein-Frauen-Musical“ sind heute Klassiker der Chanson-Literatur, wie das „Herrliche Weib“ oder das sagenhafte „Zu leise für mich“ dem in inhaltlicher Konsequenz nur noch „Das Kabarett ist tot“ folgen konnte, eine Abrechnung Kreislers mit den Möglichkeiten der Bühnen-Satire.

Thema seiner Bühnenprogramme mit Titeln wie „Lieder zum Fürchten“, „Wo der Pfeffer wächst“ oder „Lieder gegen fast alles“ war oft das Missverhältnis Mann-Frau mit herrlich satirischen Ergebnissen: „Mein Weib will mich verlassen… - Gott sei Dank!“ „Taubenvergiften für Fortgeschrittene“ eben.
Kreislers eigene Liebeskarriere soll ebenfalls burlesk angefangen haben, indem er Anfang der 1940er in der amerikanischen Emigration die noch nicht ganz volljährige Tochter Philine des Emigranten Friedrich Hollaender und dessen Frau Blandine Ebinger entführt und geheiratet hätte. Die Ebinger soll erbost gewesen sein, Hollaender aber gelacht haben. Kreisler, Hollaender, beides heute riesenhafte Monumente der deutsch-jüdischen Chanson-Kunst.

Tief verwurzelt in der Wiener Jüdischen Gesellschaft, drehen Kreislers Lieder sich schon früh um „jiddische“ Themen, etwa die skurrile jüdische Verwandtschaft wie in seinem „Onkel Joschi“. Sein wirklicher Onkel Julius hatte einst in Wien das Deo-Pulver „Teddy“ gegen transpirierende Füße und dazu passende Werbe-Gedichte entwickelt, zu denen wiederum ein gewisser arbeitsloser Maler aus Braunau namens A. Hitler die nötigen Werbe-Bilder angefertigt hatte.

1938 nach dem „Anschluss“ Österreichs in die USA emigriert, arbeitet Kreisler quasi als Piano-Stuntman in Hollywood, zeigt Schauspielern wie Charles Spencer Chaplin wie man für die Filmkamera echt aussehend Klavier spielt (meisterhaft umgesetzt in Chaplins „Monsieur Verdout“) und schreibt dessen musikalische Ideen in Noten auf.

Nach dem Krieg kehrt Georg Kreisler in amerikanischer Uniform als US-Berichterstatter nach Österreich zurück und begegnet in dieser Funktion unter anderem in einem Verhör Julius Streicher, Chef der Nazi-Postille „Der Stürmer“ der ihm sagt, er sei beruflich ja eigentlich „Volksschullehrer“ und die Juden hätten ihm „sehr zugesetzt“. Darauf Kreisler: „Na, vielleicht haben Sie angefangen - ?

Dass Österreich Kreisler nicht sofort seine alte Staatsbürgerschaft anbietet (angeblich weil man sie ihm ja nie offiziell aberkannt habe), verübelt er zeitlebens dem Heimatland, das er ohnehin mit Liedern wie „Der Weg zur Arbeit“ oder „Wo sind die Zeiten dahin“ stets unter argwöhnischem Augenmerk behält: „Der Tod, das muss ein Wiener sein“ und „Wie schön wäre Wien ohne Wiener…“ Lange hält er es seit den 1970er Jahren neben Palm Springs deshalb lieber in Berlin und dann vor allem in Basel aus, erst gemeinsame Freunde können ihn und Barbara Peters 2006 wieder in die Nähe von Salzburg locken.

Der klassisch gelernte Pianist Kreisler hat sich auch als Klassiker der Chansonliteratur verstanden, bis hin zu den „Alten, bösen Liedern“, in denen Zitate von Mendelssohn, Beethoven oder Schubert aufblitzen, mit virtuosen Anklängen in „Der Musikkritiker“, dem sensationellen „Opern-Boogie“ oder „Das Triangel“, von dem Kreisler stets meinte, durch dieses Lied – veröffentlicht in der Wiener Marietta-Bart an der Seite von Gerhard Bronner, Helmut Qualtinger, Peter Wehle, Louise Martini, allesamt Legenden des österreichischen Kabaretts der Nachkriegsjahre – habe sich das Publikum der Wiener Philharmoniker beleidigt gefühlt.

Zwei Opern hat der Meister des Schwarzen Humors geschrieben („Der Aufstand der Schmetterlinge“, „Das Aquarium“), und in den letzten Jahren einige Gedichte und Texte veröffentlicht („Worte ohne Lieder“). Singen am Klavier, sein Markenzeichen, fiel dagegen immer mehr aus: „Ich setze mich nicht mehr ans Klavier und singe meine Lieder, aber nicht, weil ich das nicht könnte, sondern weil ich es falsch fände. Es passt einfach nicht zu einem alten Mann wie mir. Bei einem Lied kommt es ja auch auf den Text an, und worüber soll ein alter Mann singen? Über die Liebe? Lächerlich! Über seine Träume? Wen interessiert das?

Noch etwa fünfzehn Lesungen pro Jahr mit Barbara Peters absolviert er zuletzt, die Klassiker seiner über 1000 Chansons werden mittlerweile von unzähligen namhaften Künstlern gesungen. Am 18. Juli 2012 wäre Georg Kreisler 90 Jahre alt geworden. In Salzburg ist der Schöpfer der „Alten, bösen Lieder“, die Personifizierung des „Schwarzen Humors“ nun am 22.11.2011 an den Folgen einer Infektion gestorben.


Anmerkung: Der Text wurde etwas gekürzt. Der Sätzer.

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